Autokonzern bringt Italien ins Strudeln

10. Oktober 2002, 17:45
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8.100 Stellen werden abgebaut - Zwei Werke werden geschlossen - Massive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft befürchtet

Turin - Rund ein Fünftel der Belegschaft von Fiat Auto soll entlassen werden. Die Konzernleitung hat den Gewerkschaften einen revidierten "Sanierungsplan" vorgelegt. Nachdem bereits 2800 Arbeitnehmer im ersten Halbjahr freigesetzt wurden, sollen nun weitere 8100 Beschäftigte in der Fiat-Autosparte ihre Arbeit verlieren. Zwei Werke in Italien - in Arese (bei Mailand) und in Termoli Imerese (Palermo) - werden stillgelegt.

Politiker sehen bereits massive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft Italiens zukommen: "Die Krise von Italiens größtem privaten Konzern könnte einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,4 Prozent bewirken", sagt etwa Vizeschatzminister Mario Baldassarri. Die Gewerkschaften haben bereits zu Streiks als Protest gegen den drastischen Personalabbau aufgerufen. Die Regierung berät über neuerliche Maßnahmen, um den Konzern zu stützen. So sollen bis zu 19 Mrd. Euro für "klimafreundliche Maßnahmen in Energiesektor und Verkehr" investiert werden. Die Italiener sollen damit bewegt werden, 11,5 Millionen alte Pkw durch neuere ("Ökoautos") zu ersetzen. Das soll zusammen mit im Juli verabschiedeten Steuerbegünstigungen zum Kauf neuer Pkw dem angeschlagenen Konzern helfen.

Verkauf der Autosparte

Die Ratingagentur Moody's rät zum vorzeitigen Verkauf der Autosparte - Fiat, Lancia, Alfa, nicht aber Ferrari - an General Motors. GM hat ein Vorkaufsrecht für die restlichen 80 Prozent Anteile an Fiat Auto inne. Der US-Konzern hält seit zwei Jahren 20 Prozent. Die Fiat kontrollierende Familie Agnelli bezeichnet den Verkauf vor 2004 aber als nicht wahrscheinlich. Unterdessen hat sich auch die italienische Regierung gegen einen möglichen Verkauf an den US-Konzern ausgesprochen. "Die Regierung hofft, dass ein so bedeutender und historisch wichtiger Auto-Konzern italienisch bleibt", sagte Industrieminister Antonio Marzano. Oppositionsführer Francesco Rutelli erklärte, Italien könne es sich nicht leisten, seine bedeutendste Auto-Industrie zu verlieren.

Inzwischen ist der Kurssturz der Fiat-Titel an der Mailänder Börse nicht aufzuhalten. Seit Wochenbeginn gaben die Titel des einstigen Aushängeschilds der italienischen Industrie, Fiat, 13 Prozent nach und erreichten am Mittwoch mit 8,2 Euro ein Fünfzehn-Jahres-Tief.

Forderungen

Die Regierung diskutiert zurzeit über die Forderung Fiats nach einem "Krisenstatus", der freigesetzten Arbeitnehmern ein Jahr lang eine "Ausgleichszahlung" von 750 Euro garantieren sollte. Fiat Auto strafft die Tätigkeiten im Ausland und steigt aus der Produktion in Südafrika, Marokko, Ägypten, Thailand und Pakistan aus. In Argentinien wird die Fertigung auf ein Minimum gedrosselt. Strategische Standorte bleiben China, Indien, Türkei und Brasilien.

Auswirkungen in Österreich

Konzernpräsident Paolo Fresco setzt weiters auf "lean management": 300 Manager, ein Drittel aller Fiat-Auto-Führungskräfte, sollen entlassen werden. Bei Fiat Österreich gibt man sich noch bedeckt, bestätigt aber, "dass es Auswirkungen geben wird".

Fiat Auto insgesamt will weiterhin 2003 den operativen Breakeven, 2004 einen operativen Gewinn erreichen. Unter anderem soll auch die Präsentation neuer Modelle, wie etwa eine Variante des Punto, B-MPV, auf 2003 "vorverlegt" werden.

Weniger Marktanteile

Im ersten Halbjahr 2002 verzeichnete Fiat Auto einen Verlust von 823 Mio. Euro. Analysten rechnen auch noch im dritten Quartal mit einer Fortsetzung des negativen Trends. Nicht nur die in den Sommermonaten traditionell schwachen Ergebnisse, auch der weitere Verlust von Anteilen am Inlandsmarkt belastet die Bilanz. Fiat konnte von der Belebung des heimischen Marktes im September (um drei Prozent) nicht profitieren und verlor weitere Marktanteile. Auch in Österreich sind diese rückläufig. (tkb, szem)

  • Die Krise des Turiner Autokonzerns könnte dramatische Auswirkungen auf die italienische Wirtschaft haben. Vize-Schatzminister Mario Baldassarri befürchtet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,4 Prozent.
    foto: montage/derstandard.at

    Die Krise des Turiner Autokonzerns könnte dramatische Auswirkungen auf die italienische Wirtschaft haben. Vize-Schatzminister Mario Baldassarri befürchtet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,4 Prozent.

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