Raumnot: Kino statt Hörsaal

5. Oktober 2002, 14:24
7 Postings

Wirtschaftsuni platzt aus allen Nähten - Gehrer beschwichtigt - SP-Kuntzl entrüstet

Wien - Nach den Protesten der Wiener Wirtschafts-Universität wegen der "explodierenden Studentenzahlen" beschwichtigt Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V). Im Gespräch mit "Salzburger Nachrichten" (Samstag-Ausgabe) und "Zeit im Bild 2" vermutet sie, dass es heuer besonders viele Frühanmeldungen gebe. Am Ende der Eintragungsfrist werde man die gleiche Inskribentenzahl haben wie bisher. Eine abschließende Bilanz könne man erst Ende Oktober ziehen.

Die WU Wien muss derzeit sogar Kinosäle und Räumlichkeiten in der Wiener Stadthalle anmieten, um die Prüfungen in der Studien-Eingangsphase ordnungsgemäß durchführen zu können. Jenen Studenten, die keinen Platz an der WU finden und daher nicht regulär studieren können, wurde im Fall der freiwilligen Exmatrikulation eine Rückerstattung der Studiengebühren angeboten.

Kuntzl über Gehrer entrüstet

"Entrüstet" zeigte sich am Samstag SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl über die "gleichgültige Reaktion" von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) auf das derzeitige Chaos an Österreichs Universitäten. "Die Universitäten platzen aus allen Nähten, Studierende finden keinen Platz in den vorgeschriebenen Pflichtveranstaltungen, die Wirtschaftsuni sieht sich sogar gezwungen, ihren Studierenden die Ex-Matrikulation schmackhaft zu machen, und Ministerin Gehrer will noch immer kein Problem sehen, sondern freut sich im Gegenteil über die 'hohe Akzeptanz der Studiengebühren'", kritisierte Kuntzl in einer Aussendung. Sie forderte ein "Erste-Hilfe-Programm" für besonders betroffene Institute, wie das Wiener Germanistik-Institut.

"Wenn Universitäten ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommen können und ihren StudentInnen sogar Anreize zum Abbruch ihres Studiums bieten müssen, dann ist endlich Handeln angesagt", so Kuntzl. Das Chaos auf den Unis beeinträchtige den Studienerfolg und die Lebensplanung tausender Studentinnen. Offensichtlich setze die Ministerin auf eine Zermürbungstaktik. "Was mit den Studiengebühren nicht gelungen ist, nämlich junge Menschen von der Uni fern zu halten, soll nun offensichtlich durch das bewusste Inkaufnehmen desaströser Zustände gelingen", betonte Kuntzl. Unzumutbare Studienbedingungen seien auch eine Form von Zugangsbeschränkung.

An einigen Instituten stünden hunderte Studierende auf der Warteliste für Pflichtveranstaltungen "und laufen Gefahr, ganze Semester und ihren Anspruch auf Studienbeihilfe zu verlieren". Jetzt tatenlos zuzusehen, sei "unverantwortlich", so Kuntzl.

VP betont Notwendigkeit von Gebühren

ÖVP-Wissenschaftssprecherin Getrude Brinek erklärte am Samstag, es freue sie, dass nun auch die SPÖ verstanden habe, "dass Studienbeiträge Studierende nicht von einem Studium fernhält". Von den Universitäten werde ein erfreulicher Zustrom von Erstsemestrigen gemeldet, "sodass tatsächlich 'die Unis aus allen Nähten platzen'", so Brinek in einer Aussendung. Die Nachfrage bezüglich universitärer Ausbildung zeige aber auch, "wie dringend die zusätzlichen Mitteln, die aus den Studienbeiträgen lukriert werden können, benötigt werden".

Beinahe 73 Millionen Euro seien den Universitäten bereits heuer zur Umverteilung zur Verfügung gestellt worden, die sie auch effektiv eingesetzt hätten. Pro Studenten würden jährlich im Durchschnitt rund 12.000 Euro an Steuermittel ausgegeben. "Wenn sich jedes Jahr wieder dieselben Institute über ungenügende Mittel beschweren, liegt es an ihnen, rechtzeitig und vorausschauend zu agieren", so die ÖVP-Wissenschaftssprecherin. (APA)

Share if you care.