Aus dem Leben eines Hallodri

4. Oktober 2002, 21:20
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Jurgis Kuncinas Erinnerungen an eine Jugend im Kommunismus

Das Wrack eines halb in die Erde versunkenen Röntgenbusses am Stadtrand von Vilnius befrachtet der wohl bekannteste litauische Schriftsteller Jurgis Kuncinas mit vielschichtiger Bedeutung: Der Erzähler wird von einem tatendurstigen Regisseur heimgesucht, der unbedingt einen Film machen will. Beim ziellosen Umherfahren erweckt der Anblick des traurigen Fossils Erinnerungen an die Jugend. So gerät der Leser allmählich von der Rahmenhandlung in den autobiografisch gefärbten Sog eines skurrilen, grotesken Entwicklungsromans.

Die erste große Liebe in einem Sommerlager ist untrennbar mit dem Auftauchen eines mobilen Röntgenbusses verknüpft, denn der Erzähler verliert seine eigenwillige Geliebte Lucija bald an den Arzt des Röntgenbusses. Diesen Bus nimmt Kuncinas als eines der Symbole für Lebenslügen des Sowjetregimes. Die Tuberkulose ist ja offiziell eine Krankheit des ausbeuterischen Kapitalismus und eigentlich im Kommunismus nicht vorgesehen. Daher werden im ganzen Land die Kavernen der Funktionäre und des einfachen Volkes durchleuchtet. Keine Frage, dass man die Krankheit baldigst besiegen wird, so wie alle Feinde der einzig wahren Lehre.

Der Erzähler freilich hat mit den Okkupanten gar nichts am Hut. Sympathisch ist, dass er sich nicht im nachhinein zum Widerstandshelden gegen das Sowjetregime stilisiert. Er hat bloß einfach keine Lust, sich den blöden russischen Wehrkundeunterricht anzuhören und wird deswegen von der Universität gewiesen. Er hat noch weniger Lust, zur sowjetischen Armee zu gehen. Also legt der Erzähler sich eine Krankheit zu; der bestochene Arzt bescheinigt ihm ausgerechnet Hämorrhoiden, was dem jungen Mann extrem peinlich ist, weil er annimmt, dass es sich dabei um eine typische Krankheit von Homosexuellen handelt. Ansonsten nicht gerade von Entschlussfreudigkeit geplagt, entwickelt der Held doch eine beträchtliche Energie beim Ausdenken von möglichen Gebrechen. Irgendwann erwischt ihn die Obrigkeit doch und der lethargische Hallodri stellt fest, dass der Job als Meteorologe bei der Luftwaffe gar nicht so grässlich ist.

Selbstironisch beschreibt Kuncinas die Versuche des jungen Mannes, sich als Bohemien zu etablieren. Die böse Zensur verhindert natürlich, dass man als bedeutender Poet groß herauskommt. Also, was bleibt einem schon übrig, als mangels Zukunftsperspektiven in den Tag hinein zu leben, mit wechselnden Geliebten, viel Alkohol und Selbstmitleid. Viele Anspielungen an die damals in Litauen herrschenden Verhältnisse und Personen sind subtil und für uns nicht leicht nachvollziehbar. Aber Kuncinas gelingt es, die Atmosphäre des Stillstandes zu vermitteln. Sein Humor und seine Menschlichkeit nehmen dem resignativen Rückblick viel von seiner Bitterkeit.

Mobile Röntgenstationen ist eine Geschichte über die Schwindsucht, über die Liebe, den Kommunismus - und über Litauen. Dass Kuncinas dabei auch die eigenen Landsleute, besonders das anpasserische Verhalten der heimischen Intellektuellen zur Sprache bringt, verhindert jede Schwarz-Weiß-Malerei und fügt dem äußerlich grotesken Geschehen die innere Wahrheit hinzu.(Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Service
Jurgis Kuncinas, Mobile Röntgenstationen. Aus dem Litauischen von Klaus Berthel. EURO 15,40/202 Seiten. Athena, Oberhausen 2002.
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