Die Erzählungen der Überlebenden

7. Oktober 2003, 19:31
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Jewsej Zeitlins Band über das jüdische Litauen

Wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der UdSSR begann Jewsej Zeitlin Lebensberichte sowjetischer Juden aufzuzeichnen. Der studierte Journalist und Philologe, selbst orthodoxer Jude aus dem sibirischen Omsk, übersiedelte 1990 von Moskau nach Vilnius (Wilna), um in den folgenden Jahren die Erzählungen der wenigen in Litauen überlebenden Juden zu dokumentieren. 1997 emigrierte Zeitlin in die USA, wo er seit 2000 als Herausgeber einer jüdisch orthodoxen Zeitung lebt.

In diesen Litauer Jahren schließt er Bekanntschaft mit dem Literaturkritiker und Dramatiker Jokubas Josade (1911-1995). Aus auf Tonband aufgezeichneten Gesprächen mit diesem ehemals jiddisch, dann aber litauisch schreibenden Autor entsteht ein sehr persönliches Dokument der Auseinandersetzung zwischen zwei Generationen und zwei sehr unterschiedlichen Positionen. Josade, ehemals Kommunist und einer vorstalinistischen Generation angehörend, wendet sich in seinen letzten Lebensjahren wieder einem jüdisch religiösen Grundbekenntnis zu, ohne jedoch seine liberale, offene Grundhaltung je zurückzunehmen. Auch noch in der Wiedergabe durch Zeitlin erscheint sein Glaube als träumende Rückkehr zum Kinderglauben, als Traum von einer unbeschädigten Märchenwelt, wie sie aus Chagalls Bildern spricht. Dagegen sind der Blick und vor allem die Fragen des im Poststalinismus groß gewordenen Zeitlin auf die politischen und rassistischen Verfolgungen gerichtet, denen russische und hier im besonderen die litauischen Juden in mehrfacher Weise ausgeliefert waren. Erlittene Angst und Anspruch auf Gerechtigkeit und Wahrheit sind die Eckpfeiler von Zeitlins Dokumentationsintention, und in diesem Geist konstruiert er eine ausschließlich jüdische Opferkollektivität, vor der Josade fast wie ein Verräter erscheint.

Es sind die spannendsten Abschnitte in diesem Buch, in denen Zeitlin Josades Milde in Erwartung des Todes als Einlenken, als Widerruf dieses 'Verrats', der 'kulturellen und religiösen Selbstzerstörung' interpretiert. Man könnte daraus auch ein fast tragisches Un- oder Missverständnis lesen: eines neuen orthodoxen Fundamentalismus gegenüber einem kosmopolitischen Idealismus. Während Zeitlin ausschließlich darauf aus zu sein scheint, jüdisches Leid als große Klage und Klagschrift zu verfassen (immerhin gab es auch Millionen von nichtjüdischen Opfern des Stalinismus etwa), ist Josade bereit, sich in all die Fragen zu verstricken, die jeder Versuch der Klärung und des 'objektiven' Verstehens gesellschaftlicher Prozesse nach sich zieht. (Man lese etwa nach, weshalb er sich nicht entschließen kann, seiner Tochter zu folgen und ebenfalls nach Israel auszuwandern; u.a. S. 148-155). Auf Seite 141 schreibt Zeitlin: "Im Grunde interessiert er sich weniger für das Problem 'Juden und Litauer', über das wir häufig sprechen , als vielmehr für die rätselhaften, verworrenen Regungen des Nationalbewusstseins. Für jedes Nationalbewusstsein." Genau diese problematisierende Offenheit Josades macht das Buch lesenswert.(Von Martin Adel/DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Service
Jewsej Zeitlin, Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes. Aus dem Russischen von Vera Stutz-Bischitzky. EURO 21,60/319 Seiten. Rowohlt-Berlin, 2000.
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