Krachende Radiotrommeln

7. Oktober 2003, 19:31
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Der litauische Lyriker Antanas A. Jonynas wühlt im Schatz der Moderne

In rastlosen Daktylen laufen die Verse des litauischen Poeten Antanas A. Jonynas, Jahrgang 1953, eine steile, nicht gerade ebenmäßig gebaute Treppe hoch. Atemlos hastet der in Vilnius lebende Übersetzer die Bilderwelten der Moderne ab; gönnt sich nicht Rast noch Ruh', sondern bindet im Vorübergehen den Mohn, die Narzissen, die "Blüten von Nelken" zu betäubenden, verwelkenden Buketts zusammen.

Wie ein rasender Kulissenschieber stellt Jonynas die Bauteile einer überkommenen hermetischen Lyrik zu den immer gleichen Architekturen zusammen: "und im eingefrorenen Fensterkreuz/ zerplatzt in Gedichten das Echo". Wir begegnen der Anrufung Gottes; es "birst der starr gefrorene Mond", und "wie Figuren auf dem Regal verschoben" müssen die Substantiv-Metaphern miteinander umspringen, als gäbe es kein Morgen, als gälte es, die bekanntesten Versatzstücken aus der Asservatenkammer der Moderne "miteinander Unzucht treiben zu lassen". So umschrieb H.C. Artmann die der Sprache innewohnende Neigung, jene Binnenbeziehungen quasi selbsttätig herzustellen, die das herkömmliche Ausdruckskalkül des Autors übersteigen und den Mythos zerstören, er, der Autor, wäre Souverän seiner eigenen, besten Absichten. Schon das Kompositum des Titels (Mohnasche) spiegelt Jonynas' verwegenen Todesmut wider - noch einmal werden jene Ruinen und Phantome heraufbeschworen, welche das Vorüberfließen des 20. Jahrhunderts, seine Katastrophen und Bankrotte verbürgen. "O Stadt deine Bäume trinken vom Morphium": Von da ist es nicht weit zu jener vielfältigen Apotheose der "Bläue", mit deren chiffrierter Wiederkehr der notorische Doktor Gottfried Benn den Gegenentwurf zu Vermassung und Moderne sozusagen beliebig abrufen konnte.

Man bekommt in Jonynas' beiden, in einem hübschen Band vereinigten Gedichtzyklen keinen Ausweg gewiesen: Man wird dieser Lyrik gewiss nicht vorhalten können, sie hänge sklavisch an der Lebenswelt - insofern schließt sie auch kein wie immer beziehbares Bild von Litauen auf. Sie besitzt aber auch nicht jene organische Plastizität, die man den Großen unter den polnischen Nachbarn, etwa Zbigniew Herbert oder Czeslaw Milosz, nachsagt. Nun hängt es an der bevorstehenden Buchmesse in Frankfurt, den Schlüssel zu dem kleinen, eigensinnigen Literaturland Litauen nachzuliefern. Schlüssel haben eben Bärte. (Von Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Antanas A. Jonynas, Mohnasche/Aguonu Pelenai. Gedichte/Eilerasciai. Aus dem Litauischen von Cornelius Hell. Mit einer Audio-CD. EURO 17,90/88 Seiten. Athena Verlag, Oberhausen 2002.
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