Fundamentale Irritationen

4. Oktober 2002, 21:08
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Melitta Brezniks Ich-Erzählerin sucht ihre Großmutter und begegnet sich selbst

Vor drei Jahren veröffentlichte Monika Ma- ron Pawels Briefe , eine "Familiengeschichte", in der sie dem Schicksal ihrer jüdisch-polnischen Großeltern nachspürt, die in der Nazizeit umkamen. Melitta Breznik unternimmt hier etwas Ähnliches, obwohl sie sich weniger eindeutig autobiographisch festlegt: Die Ich-Erzählerin erforscht die Lebensgeschichte ihrer Großmutter, die 1943 in einer psychiatrischen Anstalt des Dritten Reichs starb. Da wie dort versichert sich die Enkelin der Mithilfe ihrer schon betagten Mutter, da wie dort bringen die Nachforschungen Licht in deren Kindheit genauso wie in die der Erzählerin: Da geht es mit einem Mal um ein anderes Mutter-Tochter-Verhältnis. Bei Maron wie bei Breznik tauchen Briefe der Mutter an die Behörde, die Klinik auf, Briefe, die geschrieben zu haben sie sich nicht erinnert. Die literarisch-dokumentarische Mischform bedrängt durch Authentizität und erfordert gerade deshalb Enthaltsamkeit: Eine kunstvoll schmucklose Sprache zeichnet beide Bücher aus.

Melitta Breznik macht freilich etwas ganz Eigenes aus ihrer Geschichte. Einerseits fragt sie darin nicht nur nach der Biographie ihrer unbekannten Großmutter, sondern auch nach sich selbst, die sie sich darin gespiegelt sieht. Andererseits verknüpft sie den Faden der Opfer-Recherche mit einem Einblick in die Motive der anderen Seite: jener der Parteigänger. Es beginnt als road movie in Oberbayern: Eine Frau sitzt an der Seite ihrer Mutter im Auto und realisiert, dass diese "eines Tages nicht mehr anrufen, keine Rindsrouladen auf den Tisch stellen" wird. Ein imaginierter Verlust, der das abwandelt, was der Mutter damals, als sie Tochter war, passierte: Die Großmutter verschwand eines Tages im Jahr 1935 aus der Familie, ließ Mann und Kind allein zurück. Nach dem Polizeiakt hat sie sich mit einem starken Auftritt im Wachzimmer quasi selbst zur dauerhaften Verwahrung in der Landesheilanstalt Hadamar empfohlen: Sie sei in der Gewalt eines rätselhaften "Umstellformats", das rund um sie ein verderbliches Netz webe.

Festgehalten wird die Frau erst, als sie sich der Aufforderung, nach Hause zu gehen, handgreiflich widersetzt. Die totalitäre Komponente des Wahns - "alle Richter und Polizeibeamten seien mit dem Umstellformat verbunden" - hat im nationalsozialistischen Deutschland etwas Provokantes. Die Einweisung erfolgte jedoch aus medizinischen Gründen, wobei der Begriff der Gemeingefährlichkeit damals wohl weiter gefasst wurde als heute. Dokumentiert sind kaum variierende psychiatrische Zustandsbilder, wiederholte Versuche des Ehemannes, seine Frau, deren Kranksein er hartnäckig leugnet, aus der Anstalt zu holen, und die dürren abschlägigen Antworten der Ärzte. Dem Mädchen war seine Mutter vor ihrer Einlieferung nicht seltsam erschienen, auch später ist zwischen beiden Verständigung, etwa über Kochrezepte, möglich. Der Vater, der eine Frau zu Hause braucht und sie in der Haushälterin findet, lässt sich scheiden. Die Großmutter stirbt nicht in der berüchtigten Euthanasieklinik Hadamar, sondern in einer anderen hessischen Anstalt, angeblich an Herzversagen. Dass sie ermordet wurde, lässt sich aus den Akten nicht belegen.

Die Kontrastfolie zu dieser Passionsgeschichte gewinnt Breznik aus einem Besuch der Erzählerin bei einem Ehepaar in Norwegen, bei dem sie als Schülerin ein Gastjahr verbracht hat: Beide sind alt geworden, sie hat Alzheimer und lebt im Heim, er ist Alkoholiker und beginnt irgendwann von seiner jugendlichen Schwärmerei für Kiesling und die Nazis zu erzählen, von dem Gebrandmarktsein als Kollaborateur nach dem Krieg, vom lebenslangen Makel. Heute weiß er: Wären die Nazis an der Macht, hätten sie seine Frau vielleicht umgebracht und ihn in eine Trinkerheilanstalt gesperrt. Die Erzählerin lässt gelten, was der alte Mann sagt, sie interpretiert nicht, bewertet nicht. Sie selbst steht nicht eindeutig auf Seite der Guten, sie weiß um den Zwang des Wegsperrens und Niederspritzens auch in der modernen Medizin: Sie ist Psychiaterin wie die Autorin, deren Erstling Nachtdienst hieß. Sie bekennt, dass sie die Atmosphäre hinter den Anstaltsmauern "schon immer angezogen hat, vielleicht weil sie auf eigentümliche Weise nichts zu tun hatte mit dem Leben, das draußen vor sich ging, eine Straße weiter in den Einkaufszentren". In den Zeugnissen der NS-Spitalsbürokratie muss sie lesen, dass die Ärzte, die sicherheitshalber "Mit kollegialer Hochachtung" und "Heil Hitler" grüßen, die paranoide Schizophrenie ihrer Großmutter für erblich halten. Sei die Tochter gesund und auch deren Bräutigam, "so ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder auch krank werden, zwar gegeben, das Risiko wird aber tragbar sein."

Die Krankheit behält hier ihre fundamentale Irritation, sie wird nicht bewältigbar, weder durch poetische Überhöhung noch durch politische Aufgeschlossenheit. Ein "Umstellformat" kann sich jedes einzelnen bemächtigen, wer stets gesund war, ist plötzlich krank, umgestellt, "eingestellt". Am Beginn ist von der einzigen erhaltenen Portraitaufnahme der Großmutter die Rede, die sich in der Krankengeschichte gefunden habe. Am Schluss wird erzählt, wie der Fund deren Tochter erschreckt hat: Das Bild gleicht der Enkelin frappant. Dabei hätte Melitta Breznik es bewenden lassen können. Der Kreis ist geschlossen, alles Wesentliche gesagt - und der abschließende Blick auf den Patientenalltag der Erzählerin im Grunde überflüssig. (Von Daniela Strigl/DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Melitta Breznik, Das Umstellformat. Erzählung. EURO 16,-/ 137 Seiten. Luchterhand, München 2002.

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