Eine unbekannte Literaturinsel

7. Oktober 2003, 19:31
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"Litauen: Fortsetzung folgt" lautet das Motto, unter dem sich das diesjährige Gastland der Buchmesse in Frankfurt präsentiert

Ist der baltische Staat nicht zu leichtgewichtig für diesen Schwerpunkt? Vielleicht, findet Jurgis Kuncinas, doch auch ein allfälliger Misserfolg würde die Literatur weiterbringen.


Was könnte man in gebotener Kürze zur Literatur oder Kultur eines Landes sagen, das mehr als fünfzig Jahre lang okkupiert und somit von der Landkarte Europas gestrichen war? Es ist kaum möglich, dieses Problem in einem Zeitungsartikel auszuloten. Aber jetzt, wo die Frankfurter Buchmesse bedrohlich nahe rückt und Litauen dazu verurteilt ist, Schwerpunktland zu sein, versuche ich trotzdem, diese dem deutschsprachigen Leser ferne und beinahe unbekannte Literatur wenigstens in groben Umrissen darzustellen. Und ihr Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Als Schriftsteller bin ich recht oft im deutschsprachigen Raum unterwegs. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, und die den Namen Litauen hören, können sich unsere geografische Lage nur vergegenwärtigen, wenn Russland, Polen oder gar Schweden erwähnt werden. Dann folgt gewöhnlich die nächste Frage: Ja, ja, aber welche Sprache sprechen sie? Nicht Russisch? Schreiben Sie in kyrillischen oder in lateinischen Buchstaben? Gibt es litauische Bücher? Schwer zu glauben! Und jedesmal fühle ich mich verpflichtet zu erklären, dass Litauisch die ältere der beiden noch lebenden baltischen Sprachen ist, zu der noch das Lettische gehört.

Den meist netten und wissbegierigen Damen und Herren versuche ich auch einige Fakten aus unserer Geschichte zu vermitteln, die nicht sehr lustig verlief, für uns jedenfalls nicht. Gern betone ich auch, dass unsere Sprache viele archaische Züge bewahrte, sie ist die älteste lebende indoeuropäische Sprache überhaupt, die mehr Ähnlichkeiten mit dem Sanskrit oder dem Altgriechischen als mit dem Russischen, Polnischen oder Estnischen hat. Sie verfügt über eine komplizierte Syntax, darunter sieben Fälle, Artikel fehlen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Litauen und das Deutsche Reich eine mehr als 400 Kilometer lange gemeinsame Land- und Seegrenze. Und wenigstens die Ostpreußen wussten, wo das kleine Litauen zu finden war. Heute haben wir hinter der Memel eine russische Enklave - stärker militarisiert als je unter Hitler. Ich meine das Kaliningrader Gebiet, wo noch im 18. Jahrhundert das erste Werk weltlichen Charakters auf Litauisch geschrieben und verlegt wurde: Das Poem Metai (Die Jahreszeiten) von Christionas Donelaitis.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert leuchtete ein neuer Stern am literarischen Firmament Litauens. Für Litauer ist er das, was den Polen etwa Henrik Sienkevicz oder den Ungarn Sándor Petöfi ist. Vor Maironis erreichten nur wenige Dichter europäisches Niveau, vor allem eben Donelaitis, dazu der Bischof Antanas Baranauskas mit seinem Poem Anyksciu silelis (Der Hain von Anykscai). Es ist auffällig, dass alle bedeutenden litauischen Dichter dieser Zeit zugleich katholische Geistliche waren.

Wie schon gesagt, erst seit 1904 vermochten wir, litauische Bücher nicht nur in Amerika zu drucken oder in Ostpreußen, sondern auch zu Hause in Litauen. Die erste Schwalbe dieser Art war Vilniaus Zinios (Wilnaer Nachrichten) , die erste litauische Tageszeitung. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges hatte das Land bereits eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern vorzuweisen. Wenn der erste litauische Roman Algimantas von Vincas Pietaris nur für patriotisch gestimmte Landsleute interessant sein kann, weckte Altoriiu seselyje (Im Schatten der Altäre) von Vincas Mykolaitis-Putinas bereits internationales Interesse. 1930 geschrieben, wurde das Werk bis heute in mehrere Fremdsprachen übersetzt.

Nicht nur als Schriftsteller bin ich fest überzeugt: Wäre 1940 und später das Land frei geblieben, hätten wir heute auch eine entwickelte Literatur mit allen Strömungen und Richtungen. Fest steht: In der Zwischenkriegszeit wurde unsere Literatur reifer, vielfältiger und interessanter. Wir hatten prominente Symbolisten wie etwa Putinas, Sruoga, Kirsa, Baltrusaitis, Futuristen (Binkis, Semerys, "Katastrophisten" (Akmenisten) wie S. Neris, Brazdzionis, Aistis, dazu einige Prosaautoren, die später zu unseren Klassikern wurden (Kreve, Savickis, Grusas, Cvirka u.a.). Bereits in der Vorkriegszeit funkelten auch Sterne der modernen Lyrik am Literaturhimmel, zu nennen wären Macernis, Radauskas, Nyka-Niliünas usw. Leider sind sie außerhalb des Landes weitgehend unbekannt. 1944 gingen die meisten der Erwähnten, die bei Heranrücken der Bolschewisten Repressalien befürchten mussten, in den Westen.

Danach wurde die litauische Nachkriegsliteratur, wie auch das ganze Land, mehr oder weniger gewaltsam "integriert" als Bestandteil der multinationalen Sowjetliteratur. Anerkannt wurde nur eine einzige Methode, der so genannte sozialistische Realismus. War die Nachkriegsliteratur deswegen ganz und gar nivelliert und ohne jede Perspektive? Es gab Ausnahmen, wenn die auch rar waren. Balys Sruoga, Poet und Literaturprofessor, schrieb 1945 belletrisierte Memoiren aus dem unweit von Danzig gelegenen KZ Stutthof. Bis heute behauptet man, dass dieses Werk - Dievu miskas (Wald der Götter) - nobelpreiswürdig sei. Leider wurde es nur in wenige Sprachen übersetzt, und sehr verspätet. Zu dieser Zeit erschien im amerikanischen Exil noch ein anderer wichtiger litauischer Roman, Baltoji drobul`e (Das weiße Leintuch). Verfasser: Antanas Ske-

ma. Auch dieses Werk blieb international unbekannt und deshalb ohne Echo. Schließlich: Eduardas Miezelaitis, Leninpreisträger, wurde in mehrere Sprachen des ehemaligen Ostblocks übersetzt, wie auch noch eine Reihe anderer Autoren.

Die Periode bis etwa 1988, als sich die zweite Unabhängigkeit ankündigte, hinterließ keinesfalls ein Vakuum, obwohl nur wenige Werke, die zur Sowjetzeit entstanden, und also unter sehr spezifischen Bedingungen, in den internationalen Kontext passen. Besonders kreativ und einfallsreich waren in dieser trüben Zeit die litauischen Lyriker, welche eifrig die äsopische Sprache vervollkommneten und sich in Mittel- und Westeuropa einen gewissen Ruf erwarben. Dazu gehören V. Bloze, S. Geda, J. Vaiciunaite, M. Martinaitis u.a. Und die Kurzprosa von R. Granauskas, J. Aputis, B. Vilimaite, E. Mikulenaite bestätigte, dass auch die litauischen Prosaisten noch am Leben sind und der Welt etwas zu sagen haben.

Gott sei Dank, nicht nur Frust und Elend bestimmen hier und heute das Klima, das kann man auch in der Literatur spüren, die sich unter gänzlich neuen Bedingungen zu bewähren hat. Das Land kann heute eine ganze Reihe von interessanten Dichtern und begabten Erzählern vorweisen. Leider hatten wir bis heute noch keine Anthologien - auf der Messe wird es nun allerdings einige davon geben. Und nur allzu seltene und eher sporadische Übertragungen, meist in skandinavische Sprachen. Immerhin, die Situation, was Übersetzungen ins Deutsche angeht, bessert sich allmählich, wenn auch sehr langsam.

In diesem Herbst nun ist Litauen "Gastland" bei der Frankfurter Buchmesse. Die deutsche Presse hat bereits die Frage aufgeworfen, ob es nicht zu leichtgewichtig sei für einen "Schwerpunkt". Mag sein. Ich würde es anders formulieren: Ist Litauen nicht noch immer zu wenig bekannt, um unversehens im Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit zu stehen? Kein Wunder auch, dass der Auftritt von Intrigen an der "Heimatfront" begleitet wird. Wer darf fahren, wer nicht? Ehemalige Dissidenten oder Exkommunisten, die sich inzwischen zu Sozialdemokraten gemausert haben? Fragen über Fragen.

Ein Fiasko dieser Messe wird schon von allen Seiten ein wenig schadenfroh prophezeit. Horror! Was ist noch zu tun? Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, warten wir es ab. Selbst ein Misserfolg, meine ich, wird uns einen Schritt voranbringen auf dem Weg in die inzwischen weltweit vernetzte Literaturgemeinschaft. Unsere Politiker betonen es gern: Litauen sei eine Brücke zwischen Ost und West. Mag sein, dennoch bleibt zu konstatieren: Die litauische Literatur ist noch immer jene unbekannte Insel, die nur von verirrten Fähren besucht wird. Doch früher oder später wird diese Brücke stehen und Bestand haben. Die Brücke zwischen dieser Insel und dem Literaturkontinent Europa.(Von Jurgis Kuncinas/DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

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