Sonnenscheibe und Computerchip

5. Oktober 2002, 17:41
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Am 16. Oktober wird die neue Bibliothek von Alexandria endlich offiziell eröffnet - mit dem Wissen der Vergangenheit und der Zukunft

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verdichtete sich die Idee: Ein paar Professoren mit Spezialgebiet Alte Geschichte spintisierten an der Universität von Kairo immer wieder herum, man müsse die alte Bibliothek von Alexandria wieder auferstehen lassen, man sollte ein neues international ausgerichtetes Zentrum der Bücher und des Wissens in der Arabischen Welt errichten: Es war ein ehrgeiziges, fast unmöglich erscheinendes Unterfangen.

Denn wie lässt sich derartig viel Geld auftreiben, das zum Bau eines solchen Gebäudes nötig ist? Wie lässt sich in Architektur gießen, was neu und trotzdem zugleich uralt ist? Und wie und womit soll die Bibliothek eigentlich bestückt werden?

Die Professoren leisteten ganze Arbeit. Sie veranstalteten Kongresse, überzeugten Regierungen und Politiker und zapften allerlei Geldhähne an. Sie trieben schließlich mit der Unesco einen wichtigen Partner auf, und sie halfen, einen der größten internationalen Architekturwettbewerbe der Geschichte ins Leben zu rufen und erfolgreich abzuwickeln. Sie bewiesen letztlich, wie seinerzeit Euklid den Satz des Pythagoras in der alten Bibliothek bewiesen hatte, dass Ideen Berge, und seien die aus Baumaterial, versetzen können.

Am Wettbewerb im Jahr 1989 beteiligten sich 520 Architekturbüros weltweit, es gewann überraschend ein norwegisch-österreichisch-schwedisches Team namens Snohetta. Ad personam sind das Kjetil Thorsen, Christoph Kapeller und Craig Dykers.

Ihr Entwurf überzeugte durch städtebauliche Großzügigkeit, die innenräumlichen Qualitäten des Großkomplexes, und nicht zuletzt durch eine sanfte, unaufdringliche Symbolik, die sich, beginnend mit der Grundrissform der Sonnenscheibe Res, bis zur Oberflächengestaltung mittels der verschiedensten Schriftzeichen durch das gesamte Gebäude zieht. 80.000 Quadratmeter bietet das Haus, verteilt auf insgesamt elf Etagen, der angeblich größte Lesesaal der Welt erstreckt sich über sieben Stockwerke, dank ausgeklügelter Schalllenkungen soll es angenehm leise in ihm sein.

Knapp 200 Millionen Dollar hat die Bibliotheca Alexandrina gekostet. Am 16. Oktober wird sie nun offiziell eröffnet - nach 13jähriger Bauzeit und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen, und nachdem der Eröffnungstermin aufgrund der politischen Situation in Nahost bereits mehrfach hatte verschoben werden müssen. Die noch nicht aufregende Befüllung des großen Hauses mit lediglich 400.000 Büchern wurde zwar wiederholt kritisiert, doch gut Ding braucht Weile, und was noch nicht in Papier oder Papyrus vorhanden ist, lagert immerhin bereits im Internet: Hier kann auf rund 300.000 seltene Bücher und Manuskripte zugegriffen werden. Die Computerreise in die Bibliothek ist so weit nicht hergeholt: Der österreichische Architekt Christoph Kapeller hatte die Idee zum Entwurf, so sagt er, seinerzeit angesichts eines 486er-Computerchips. Der soll genau so ausschauen wie das Dach des Bibliotheksbaus. Vergangenheit und Zukunft - diese Bibliothek hat es tatsächlich in sich. [] architektur@derstandard.at

Die Bibliothek als Leuchtturm

Die Schätze von Alexandria versöhnten erst, zum Schluss brannten sie. Von Richard Reichensperger

Die natürliche Todesursache vieler antiker Gebäude war ein Erdbeben. Die unnatürliche ein Brand im Zuge einer Belagerung. Bei der Bibliothek von Alexandria gibt es widersprüchliche Meinungen zwischen beiden Extremen.

Der Gründungsmythos von Alexandria ist ja auch ein Phantasma der Architektur: Alexander der Große stieg 331 v. Chr., so erzählt die Legende, im Gebiet des heutigen Alexandria vom Pferd, warf seinen Mantel ab und sagte: Trapezförmig wie der Mantel, so solle die Stadt gebaut werden.

Dergleichen erspart riesige Architekturbüros. Gefüllt wurde das Trapez aber noch nicht mit Bildung: Das "Museion", Tempel der Musen mit der Bibliothek, schuf erst Alexanders Nachfolger Ptolemäus. Begrenzt und beschützt wurde die Stadt durch die Hafenanlage bei Pharos: Es war der Leuchtturm, das siebte Weltwunder, der Alexandrias Ruhm ausstrahlte.

Das erste Leuchtfeuer der Schiffahrtsgeschichte, wo durch einen Hohlspiegel das Licht gebündelt und reflektiert wurde: So stark, dass es angeblich "bis ans Ende der Welt" reichte. Das Licht der Bibliothek von Alexandria aber (im Neubau wird mit der Lichtdurchflutung übrigens der Turm zitiert) strahlte bald noch weiter aus und sollte umgekehrt die Welt hereinholen:

Demetrios, ein aus Athen vertriebener Politiker und ein Schüler des Aristoteles (der seinerseits der Erzieher Alexanders gewesen war), war nach Alexandria geflüchtet, und Ptolemäus, Herrscher Ägyptens, engagierte ihn als Bibliothekar: "Wieviele Schriftrollen besitzen wir?", fragte ihn der Herrscher, denn beider Ziel war es, "alle Bücher aller Völker der Erde" zu versammeln, wozu, was sie errechnet hatten, etwa fünfhunderttausend Schriftrollen nötig wären.

Das Ziel war auch ein Herrschaftswissen: Schriften über die Religionen besetzter Länder etwa sollten Zugang zur Mentalität der Bevölkerung ermöglichen. Aber Demetrios gab dem allen eine andere Ausrichtung. Sein Programm umschreibt bis heute noch Sinn und Zweck von Bibliotheken: Übersetzungen, Toleranz.

Man müsse, so Demetrios, unbedingt auch den Pentateuch ins Griechische übersetzen. So entstand die "Septuaginta"-Übersetzung in Alexandria. Aber, so der Bibliothekar, wenn wir diesen zentralen Text einer fremden Kultur übertragen, so können wir nicht gleichzeitig jüdische Sklaven halten: Ptolemäus ließ sie frei.

In Alexandrias "Museion" fanden schon Symposien statt, und hier arbeiteten jahrhundertelang die größten Wissenschaftler der Antike: Der Geograph Strabo erforschte den Verlauf des Nils; Erasthotenes berechnete den Erdumfang; Euklid schrieb seine "Elemente der Geometrie"; Klassiker wie Homer wurden klassisch ediert. Und warum musste all dies untergehen?

Der Historiker Luciano Canfora glaubt nicht an die Theorie, die einen Brand im "Alexandrinischen Krieg" Cäsars, 46/47 n. Chr., für die Zerstörung verantwortlich macht. Er verlegt das wahre Ende einige Jahrhunderte später, auf die Zeit nach der Einnahme Alexandrias durch Amr ibn al-As 640. Zu dieser Zeit lebte noch Iohannes Philoponos, ein Aristoteles-Kommentator. Er bat, die Bücher des Königsschatzes zu retten. Der Kalif Omar in Konstantinopel aber antwortete: "Wenn sich ihr Inhalt mit dem Koran vereinbaren lässt, so können wir auf sie verzichten. Enthalten sie aber Dinge, die vom Buch Allahs abweichen,, dann gibt es erst recht keinen Grund, sie aufzubewahren. Schreite also zur Tat und vernichte sie." - Die Bücher wurden auf die 4000 Bäder Alexandrias verteilt, als Brennstoff.

Oft endet die Geschichte von Bibliotheken mit einem Brand: Es ist, als ob eine höhere Macht an einem bestimmten Punkt eingriffe, um einen Organismus zu zerstören, der für eine Zentralmacht nicht mehr kontrollierbar ist. []

Müllhalden und Architektursuperlativ

Ein Lokalaugenschein in Alexandria. Von Karin Tschavgova

Das Gefühl von Fremdheit ist ein steter Begleiter auf dem Weg nach Alexandria, wenn der komfortabel klimatisierte Zug, für den man den halben Monatslohn eines Durchschnittsägypters hinblättert, an schier endlosen Elendsquartieren vorbeibraust. Dieses Land, diese Menschen sollen eine Bibliothek der Superlative brauchen, die den Staatsetat für Bildung vermutlich auf Jahre hinaus aufzehrt?

Der erste Eindruck des Bauwerks im Hafen von Alexandria drängt alle Bedenken vorerst in den Hintergrund: Zu eindrucksvoll ist die riesige, gegen die Bucht geneigte Scheibe, die städtebaulich äußerst gekonnt die durchwegs vertikal betonte Bebauung an der Corniche unterbricht, eingebettet in sonnenfunkelnde Wasserbecken und einen weitläufigen Platz, der dennoch einen Raum schafft zwischen dem älteren Kongresszentrum und dem neuen Gebäuderund. Schon hier zeigt sich das Können der Architekten. Trotz gewaltiger Dimensionen ist es außen wie innen fern jeglicher Monumentalität.

Den Architekten ist ein erstaunlicher Spagat gelungen: Großzügigkeit und Weite paaren sich mit Intimität und Atmosphäre. Was im Außenraum durch das sichtbare Versenken des Volumens unter Terrain gelingt, wird im Innenraum, dem Lesesaal, durch geschicktes Abtreppen des Raums erzielt, der dadurch an einer Stelle nur drei Meter hoch ist und anderorts wiederum 17 Meter. Beeindruckend ist das Licht, gleichmäßig gestreutes Tageslicht aus einem Gefüge plastisch geformter Dachelemente. Getragen werden sie von einem Wald an Säulen. Die erwecken, mit Reihen von blau und grün flirrenden Glaspunkten in den Deckenträgern, die Assoziation mit einer Moschee. Die Beschränkung auf wenige Materialien geben dem Saal Homogenität und eine Aura des "Immer schon da Gewesenen".

Ob die Bibliothek diesen Stellenwert einmal erreichen kann? Wenn sie, wie ihr antikes Vorbild, nicht nur Sammelpunkt, sondern lebendige Schnittstelle zwischen Orient und Okzident wird, wäre der gewaltige Aufwand berechtigt. Nicht nur für das arme Land Ägypten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 10. 2002)

Am 16. Oktober wird die neue Bibliothek von Alexandria endlich offiziell eröffnet. Sie soll, wie ihre vor rund 2000 Jahren untergegangene berühmte Vorgängerin, das Wissen der Vergangenheit und der Zukunft an einem Ort zusammenbringen.

Von Ute Woltron

Die Autorin ist Architekturkritikerin in Graz.
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