Geschichte und Zukunft eines Instituts

4. Oktober 2002, 19:49
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Das Wiener Institut für Kunstgeschichte feiert sein 150-jähriges Jubiläum - und beschäftigt sich nach wie vor mit ungeklärten Fragen seiner jüngeren Vergangenheit

Wien - Rudolf Eitelberger von Edelbergs theoretische wie praktische Bemühungen haben Wien nicht nur mit den langfristigen Auswirkungen eines Museums für angewandte Kunst konfrontiert, sondern auch mit denen eines Instituts für Kunstgeschichte. Im November 1852 wurde Eitelberger zum a. o. Professor für Kunstgeschichte und Kunstarchäologie ernannt und damit die Kunstgeschichte erstmals als selbstständiges Fach an der Universität Wien angeboten.

Das ist nun auch schon wieder 150 Jahre her und also Anlass genug, ein Geburtstagssymposion abzuhalten.

Thema des festlichen Anlasses, zu dem die in Wien lebende Künstlerin Anna Jermolaewa ihre Videoloops Das Hendltriptychon, Solo, Mutterschaft und 3 Minuten Überlebensversuche beigesteuert hat: Wiener Schule und die Zukunft der Kunstgeschichte. Punktgenauer landet Werner Hofmann die retro- wie prospektive Selbstbespiegelung mit dem Titel seines Eröffnungsvortrags: Alles ist Ambivalent. Und weiter: Die Wiener Schule der Kunstgeschichte: Wieviel Zukunft hat ihre Vergangenheit?

Das konstituierende Merkmal der "Schule", sagt Hofmann, sei "der produktive Zweifel", die Lehre Alois Riegls oder auch Franz Wickhoffs, dass der Gehalt jedes Kunstwerks durch "ambivalent komplementäre Strukturen" bestimmt sei. An dieser Einsicht macht Hof-mann die Bedeutung der Wiener Schule fest, darin, ein Anschauungs- und Denkmuster vorgeschlagen zu haben, das es ermöglicht, Mehrdeutigkeiten zu fassen. Und auch daran, dass Julius von Schlosser seinen Schülern (Hans Sedlmayr, Ernst Gombrich) eine immer wieder zu stellende Frage einpflanzte: "Was ist Kunst, was ist Geschichte, wie ist Kunstgeschichte überhaupt möglich?" Schlosser säte den Zweifel. Bei Gombrich hat das zu einer, bis in die unmittelbare Gegenwart zumindest praktikablen Sichtweise der Kunstgeschichte als "eine Kette von Übergängen, Auflösungen und Verdichtungen, deren Höhenlagen sich bald isolieren, bald verzwittern, bald abstoßen" geführt. Hans Sedlmayr waren Ambivalenz und Zweifel zu viel: Er hat aus ihnen den berühmt berüchtigten Verlust der Mitte abgeleitet - einen fatalen Ruf zur Ordnung.

Das Fach hat diesen Bruch überlebt. Als Trauma ist Sedlmayr, der als NSDAP-Mitglied dem Wiener Institut bis 1945 als "einer der wenigen faschistischen intellektuellen von hohen Graden" (Sauerländer) vorstand, geblieben. Die Zukunft der Wiener Kunstgeschichte kann - wie die Beiträge zum Symposion zeigen - nur in einer überfälligen Aufarbeitung allen Materials zur eigenen Geschichte liegen. Ansonsten wird die Beschwörung der Vorkriegshelden, zu dünn, um Studenten in die Zukunft zu entlassen. Bis 6. 10. referieren u.a.: Beat Wyss, Christopher Wood und Monika Faber. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 10. 2002)

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