Saddams Alter Ego trübt kein Wässerchen

4. Oktober 2002, 19:22
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Ist er es oder ist es einer seiner mindestens drei Doppelgänger?

Die Inspektoren, die 1998 in Saddam Husseins Paläste vordrangen, berichteten von unter einem Bett in einem ansonsten leeren Saal abgestellten Pantoffeln, von goldenen Armaturen, von viel Marmor: Von Büchern sagten sie nichts. Erich Kästner mit seiner "Schule der Diktatoren" wird es also nicht gewesen sein, die Geschichte dort geht anders: Der Diktator ist tot, er wird von seiner machtbesessenen Entourage durch eine Reihe von Doubles ersetzt.

Wenn einer von ihnen nicht pariert: Loch im Kopf. Das hört sich wieder eher nach Saddam an, von dem ein ehrbarer Homburger Rechtsmediziner nun behauptet, er lasse sich von mindestens drei Doppelgängern vertreten. Festgestellt hat das Dieter Buhmann anhand von Gesichtsvermessungen der Fotos, die Saddam oder eben nicht Saddam zeigen: Zeige mir deinen Zwischenhöckereinschnitt, und ich sage dir, wer du bist.

Dieser befindet sich am Ohr. Den falschen Saddam - angeblich den besten der Kollektion -, den Jörg Haider in Bagdad getroffen hat, hat hingegen die Nase entlarvt.

Da der Doppelgänger - zumindest in der Literatur - zwar so aussieht wie das Original, diesem aber charakterlich völlig entgegengesetzt ist, fällt es leicht, Saddams Alter Ego zu beschreiben: Kurde oder Schiite, sanftmütig, bescheiden, häuslich, monogam, als Hobbys kann man sich Gärtnern oder Kochen vorstellen. Bei einem Glas Tee liest er abends gerne ein gutes Buch (Kästner?), aber obwohl er sich sonst kulturell auf höherem Niveau bewegt, zieht er sich nach besonders harten Arbeitstagen das Video von Hot Shots II rein, in dem sein Chef endlich einmal eine echte Abreibung bekommt.

Schussfest ist der falsche Saddam natürlich nicht, was ihm die stundenlangen Paraden, bei denen er ab und zu mit seinem Gewehr in die Luft ballern muss, zur Pein werden lässt. Aber zum anschließenden Empfang mit ausländischen Diplomaten geht dafür ein anderer, und das auch nur alle zehn Jahre einmal.

Die Geschichte, dass Saddam Doppelgänger einsetzt, ist natürlich ein alter Hut. Früher, als er noch viel im Irak umherreiste, sprachen Sicherheitsargumente dafür, jetzt, wer weiß, ist auch manchmal Faulheit und Überdruss dabei. Ist eh immer dasselbe, die Ja sagenden Lemuren. Alle anderen sind tot oder außer Landes. Und der Haider? Muss auch nicht sein.

Namen von Doubles haben wir nur einen, und der stimmt wahrscheinlich nicht: Mikhael Ramadan schrieb 1999 in seinen Doppelgänger-Memoiren, dass Hafidhahu llah - Gott erhalte ihn, wie ihn manche Iraker das Gegenteil meinend nennen - 1997 das West-Nile-Virus waffenfähig machen wollte. Nachdem aber nicht einmal die wildesten US-Krieger diese Geschichte aufgegriffen haben, ist ganz bestimmt nichts dran. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.10.2002)

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