Die Renaissance der Führungskompetenz

9. Oktober 2002, 18:11
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Das klassische Managementverständnis - Ziele setzen, Rahmenbedingungen schaffen, Ergebnisse kontrollieren - ist längst überholt. Eine WU-Studie zeigt künftige Kernkompetenzen von Topmanagern auf

"Die Kernkompetenzen von Topmanagern werden sich in Zukunft stark ändern. Es kommt zu einer Rückbesinnung auf Führungsaufgaben im engeren Sinne, zu einer Renaissance von Führungskompetenz." Helmut Kasper, Professor für Change Management an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und Leiter des Post-Graduate-Management-Lehrganges (PGM), untermauert diese Prognose mit einer soeben fertig gestellten und vom Nationalbankfonds finanzierten Studie seiner Abteilung.

Topmanager wollen sich demnach weniger um Marktanalysen oder Strategien kümmern, sondern stärker um ihre Mitarbeiter. Auffallend: Topmanager und das mittlere Management haben völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber, was unter der gewünschten "Topführungskompetenz" konkret zu verstehen ist.

Die Spitzenmanager selber begreifen sich künftig vor allem als Coaches, die ihren Untergebenen helfen, selbst erfolgreich zu sein.

"Das setzt eine neue Führungsbeziehung voraus. Topmanager neuen Zuschnitts müssen vor allem in der Lage sein, Teams zu bilden", erklärt Kasper.

Überholt sei das klassische Managementverständnis, das da lautete: Ziele setzen, Rahmenbedingungen schaffen, Ergebnisse kontrollieren. Und längst verabschiedet hat sich die heutige Führungselite von ihrer früheren Rolle als hemdsärmelige Pioniere, wagemutige Gründer oder zupackende Macher.

Völlig andere Ansprüche stellt das mittlere Management an ihre künftigen Topleader. Ihrer Meinung nach sollen Spitzenmanager persönlich Vorbilder sein und die Unternehmenswerte auch verkörpern. Die Leitfiguren sollen also ihre Mitarbeiter unterstützen, motivieren, belehren und ihnen auch klare Anweisungen erteilen.

"Während sich das Topmanagement persönlich zurücknehmen will, fordert das mittlere Management ein zutiefst patriarchalisches Führungsverständnis ein", bringt der WU-Professor die unterschiedlichen Erwartungshaltungen auf den Punkt. Doch die oberste Führungsetage lehnt den Wunsch der zweiten Führungsebene nach persönlich-engagierter Leadership dezidiert ab. "Das ist für Spitzenmanager Schnee von gestern."

Weitere Trends aus der Studie, die Kasper gemeinsam mit seinem Assistenten Jürgen Mühlbacher durchgeführt hat: Größten Wert legen die österreichischen Topmanager von morgen auf ihre persönliche Ausgewogenheit, die Fitness und gesunde Ernährung inkludiert.

Sympathie

Unumwunden geben sie zu, Spaß an ihrem Job anzustreben und engere Mitarbeiter nach Sympathie auszuwählen.

"Genies behalten, Ameisen abbauen". Mit dieser Strategie wollen die Spitzenmanager das immer öfter vorkommende Dilemma lösen, Waren und Dienstleistungen am Markt billiger anbieten zu müssen, gleichzeitig aber kostbares Humanpotenzial im Unternehmen zu halten.

Kernziel dieser umfassend angelegten explorativen Studie - mehrere Branchen, unterschiedlichste Biografien, diverse Altersgruppen, Geschlechter und Ausbildungen - war es, wesentliche Qua- lifikationserfordernisse der nächsten Topmanagergeneration auszuloten, um zielorientierte Bildungsprogramme zu entwickeln.

Konkret umgesetzt werden die neuen Erkenntnisse beim Post-Graduate-ManagementLehrgang der Wirtschaftsuniversität Wien, den bereits rund 900 Managerinnen und Manager absolviert haben. (red/DER STANDARD, Printausgabe)

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    foto: fotodisc
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