Folgen der Gigantenhochzeiten

8. Oktober 2002, 11:49
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Biotech- und Gentechnik-Unternehmen expandieren und bieten Biologen, Chemikern und Medizinern neue Karriereperspektiven, konstatiert Heimo Hecht, Senior Consultant bei Eblinger & Partner

Standard: Wie sehen Sie die derzeitige Arbeitsmarktsituation in der Pharmaindustrie und Medizintechnik, insbesondere im Blickpunkt der Großmerger der letzten Zeit?


Hecht: Der Bereich Medizintechnik unterlag in den vergangenen Jahren einem enormen Konzentrationsprozess. Mittlerweile hat sich die Situation wieder etwas stabilisiert. MBOs haben sich nur teilweise als erfolgreich erwiesen.

In der Pharmaindustrie verstärkt sich dieser Prozess nach dem Merger von Pfizer und Pharmacia voraussichtlich in größeren Dimensionen. Es kommt zu richtigen "Gigantenhochzeiten", die ihrerseits wieder andere Pharmakonzerne unter Zugzwang bringen. Ein Ende dieser Entwicklung ist im Moment nicht in Sicht.

Hintergrund der Fusionen sind die hohen Forschungskosten und die Margenreduktionen durch den verstärkten Einsatz von Generika (Nachahmungsarzneimittel, Anmerkung der Redaktion).

Standard: Welche Konsequenzen haben die Mitarbeiter und künftige Branchen-Neulinge aus diesen Entwicklungen zu erwarten?


Hecht: Einsteiger haben im Marketing- und Salesbereich insbesondere im Key-Account-Management sehr gute Chancen. Spezialisten, die sich mit Pharmakovigilanz (Überwachung und Protokollierung von möglichen Nebenwirkungen, Anmerkung der Redaktion), Qualitätsmanagement oder Registrierung beschäftigen, haben ebenfalls gute Zukunftsaussichten. Idealkandidaten für Toppositionen bringen eine duale Ausbildung wie etwa die Kombination eines naturwissenschaftlichen Studiums und einer internationalen Ausbildung, zum Beispiel ein MBA, mit und haben bereits Erfahrung in der Konzernzentrale gesammelt.

Andererseits kommt es bei Unternehmen, die mit Mergern konfrontiert sind, strukturbedingt, da sich Merger rechnen müssen, zu Personalabbau. Davon betroffen sind vor allem Management-Positionen.

Standard: Wo orten Sie besonders interessante Einstiegs-und Entwicklungschancen?


Hecht: In ,Grown' oder Start-up Companies im Bereich Biotech/Gentechnik. Diese Unternehmen expandieren stark und ermöglichen Mitarbeitern oft sehr unkonventionelle steile Karrieren. Es gibt sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten für Biologen, Chemiker und Mediziner oder einschlägig ausgebildete Fachkräfte, zum Beispiel HTL-Absolventen, die zusätzlich kaufmännische Fähigkeiten und idealerweise Kenntnisse der Biotechnologie mitbringen. Erfahrungen im Projektmanagement und Verhandlungsgeschick sind in dieser Branche wichtige Fähigkeiten, auf die besonders geachtet wird. Gefragt sind auch Finanzmanager mit IPO-Erfahrung.


Standard: Worauf sollten Bewerber für diese Branche achten?


Hecht: Bei allen Zukunftschancen birgt die Arbeit in der Biotechbranche auch Risiken in sich. Der Arbeitsplatz hängt stark von der Geduld der Risikokapitalgeber ab. Wir raten Einsteigern, sich gründlich über das Unternehmen zu informieren. Dabei sind folgende Fragen zu beachten: Hat das Unternehmen ein gutes Standing in der Branche? Gibt es bereits marktreife Produkte und Patente?

In jedem Fall erwerben Mitarbeiter von Biotech-Unternehmen wertvolles Know-how, das eine gute Basis für den beruflichen Werdegang darstellt. (Silvia Stefan/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.10.2002)

  • Artikelbild
    foto: eblinger & partner
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