Dringend gesucht: "Dr. med, MBA"

8. Oktober 2002, 17:06
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Fünf Topmanager internationaler Pharma-Unternehmen sprachen über die Bedeutung der Forschung, die neuen Anforderungen an Mitarbeiter und die Zukunft der Branche.

"Allein in den nächsten fünf Jahren werden wir über 20 neue Produkte auf den Markt bringen. Unsere Branche lebt von der Forschung und Entwicklung (F+E), die zwar hohe Investitionen erfordern, aber auch eine Menge zusätzlicher Jobs kreieren", konstatierte Alexander Mayr, Geschäftsführer von Eli Lilly Österreich.

"Auch der Generica-Markt (Fertigarzneimittel, Anm. d. Red.) profitiert von der Forschung, sie ist die Pipeline für viele Arbeitsplätze", erklärt Irmgard Bayer, Kommunikationsleiterin der Aventis Pharma GmbH. . "Merger schaffen ebenso Jobs - unser Zusammenschluss mit der Hoechst AG und Rhône-Poulenc hat hierzulande keine Arbeitsplätze gekostet, ganz im Gegenteil", so Bayer.

"Alle Merger, die ich bisher begleitet habe, haben à la longue Jobs generiert", stimmt Peter W. Eblinger, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Eblinger & Partner, zu.

Andreas Penk, Geschäftsführer der Pfizer Corporation Austria, erwartet eine Homogenisierung: "In den nächsten zehn Jahren werden sich vier Cluster bilden. Fünf bis sechs Global Player werden einen weltweiten Marktanteil von je zehn Prozent und mehr halten. Der Rest der Branche wird sich auf drei Sparten aufteilen - Spezialanbieter, Generica- Unternehmen und Biotechnologiefirmen." Innerhalb dieser vier Linien würden Karrieren planbar sein, es werde aber schwieriger werden, zwischen den verschiedenen Bereichen zu wechseln, da sich die Anforderungsprofile innerhalb der nächsten fünf Jahre präzisieren werden.

AescaGeneral Manager Günther Dietrich, der 30 Jahre Branchenerfahrung mitbringt und für seinen Konzern auch als Vice President Central Europe tätig ist, empfiehlt: "Junge Naturwissenschafter sollten versuchen, in der Biotech-Szene Fuß zu fassen." "Wer es bis an die Spitze schaffen möchte, wird es in der Biotechnologie schneller zum General Manager bringen als in traditionellen Pharma-Unternehmen", erläutert Penk.

"Ideenbrutstätte Biotechnologie"

In den nächsten Jahren sei mit der Gründung von 20 bis 30 Biotechnologie-Start-ups zu rechnen, so Eblinger. Penk: "Eine gute Schule für Generalisten, denn dort müssen noch alle Mitarbeiter in allen Unternehmensbereichen mit anpacken."

Unterentwickelt seien hierzulande die Gebiete Patient Access, Corporate Affairs, Gesundheitsökonomie oder Public Relations, so der Tenor der Roundtable-Diskutanten.

Imageprobleme scheint es nicht zu geben: "Die Leute arbeiten gerne in der Pharmabranche, sie hat Prestige", ist Alexandra Fucik, HR-Leiterin von Merck Sharp & Dohme (MSD) Österreich, überzeugt. Und streicht hervor, dass es in dieser Branche was Bewusstsein über die erfolgsentscheidende Bedeutung des Humankapitals betrifft, nicht beim Lippenbekenntnis bleibt: "Mit dem Betriebsrat zu sprechen, ist Chefsache".

Und noch eins spricht für den Arbeitseinsatz in dieser Branche: "Mich erstaunt die extrem geringe Fluktuationsrate hierzulande", konstatiert Mayr.

Idealprofil

Welche Qualifikationen gefragt sind? "Ein Arzt mit einem MBA-Abschluss ist natürlich ein Traum", lächelt Mayr, "aber uns ist klar, dass es den nur selten gibt." Flexibilität, emotionale Intelligenz und Führungsqualität stehen auf dem Wunschzettel der Runde ganz oben. - Dass es den "Dr. med, MBA" kaum gibt, erhöht die Chancen für Quereinsteiger. Penk: "In meinen Teams finden sich auch Historiker, Philosophen und Theaterwissenschafter."

"Wir haben aber nicht nur Spitzenpositionen für MBA- Absolventen zu besetzen, bis zu 50 Prozent unserer Mitarbeiter sind im Außendienst tätig," relativiert Bayer. Auch für Geschäftsführer und solche, die es werden wollen, sei es wichtig, Erfahrungen im Außendienst, zu sammeln, um Verkaufsteams führen zu können, so der Tenor.

Während Quereinsteiger Mayr die geforderte aber fehlende Außendienst-Erfahrung durch ein siebenmonatiges Praktikum als Pharmareferent nachholte, ortet Eblinger bei Universitätsabsolventen Widerstand: "Jungakademiker, die in die Pharmabranche streben, erlebe ich laufend. In den Außendienst wollen sie aber nicht gehen. Größer ist hier die Bereitschaft der Fachhochschul-Absolventen."

Auslandserfahrung

Sind Auslandsaufenthalte eine Voraussetzung für einen späteren Sprung ins General Management und wann kommt man wieder zurück in die Heimat? Fucik: "Wer im Headquarter eines international tätigen Unternehmens Karriere machen will, muss Auslandserfahrungen sammeln". "Geografische Flexibilität aber auch die Bereitschaft in unterschiedlichsten Positionen Erfahrungen zu sammeln, ist Voraussetzung für eine Position im General Management", affirmiert Mayr.

"Penk: "Man könnte Aspiranten aber auch den Tipp geben, zumindest einen Wechsel innerhalb Europas vorzunehmen. Da ist es hilfreich, zu analysieren, wie die bisherigen Karrierewege in den jeweiligen Konzernen verlaufen sind und über welche Länder sie geführt haben." "Es kommt auf die Firmenkultur an. Wenn das Unternehmen in vielen Ländern präsent ist und ein Headoffice hat, dann muss sich ein angehender Karrierist darauf einstellen, dass er alle drei Jahre in einem anderen Land wohnen wird," weiß Fucik.

Dem pflichtet Mayr bei: "Wenn man die Position des General Managers anstrebt, dann kann man nicht kontrollieren wo man sich in den nächsten Jahren niederlassen wird. Da muss man flexibel sein, doch die wenigsten Österreicher sind es." - "Wir möchten mehr Möglichkeiten bieten als ,Country Manager' eines Landes zu werden, wir wollen High Potentials halten, sie sollen nicht mit jeden Karriereschritt die Firma wechseln müssen," wirft Penk ein.

Horizontale Karrierewege

Bayer gibt einen wichtigen Trend zu bedenken: "Die Hierarchien sind überall flacher geworden. Man sollte nicht nur in vertikalen Positionen planen." Und Fucik warnt vor Ungeduld: "Karriere ist ein Marathon und kein Sprint!"

Österreich könne als Karriere-Terrain mit dem Vorzug punkten, dass viele Unternehmen hier auch das Headquarter für Osteuropa angesiedelt haben, macht Mayr auf eine weitere Karrierechance aufmerksam. Und zunehmend würden Positionen regionalisiert, weshalb junge Nachwuchsführungskräfte nicht mehr unbedingt die Heimat verlassen müssten. Dietrich: "Viele Unternehmen dezen 5. Spalte tralisieren jetzt Funktionen und versuchen hochqualifizierte Mitarbeiter dort arbeiten zu lassen, wo diese gerne leben".

Neue Arbeitsformen

Eblinger: "Sind Home-Office und Teleworking bereits akzeptierte Arbeitsformen?"

Dietrich: "Product-Management zum Beispiel ist nicht ins Home-Office delegierbar. Aber wir praktizieren versuchsweise schon Mischformen, wie zwei Tage daheim, drei Tage im Office". "Die Hälfte der Leute ist draußen tätig und hat ihr Zentrum im Office!", gibt Bayer zu bedenken.

Mayr: "Wichtig ist die Kundenorientierung!". Und Fucik ergänzt mit einem Appell für verstärktes Vertrauen: "Ich würde diese Frage nicht nur von der Funktion, sondern auch vom jeweiligen Mitarbeiter abhängig machen".

Chancengleichheit

Wie steht es um künftige Karrierechancen von Frauen, die derzeit an der Spitze von Pharma-Unternehmen noch ebenso unterrepräsentiert sind, wie andernorts?

Penk: "Unsere Präsidentin ist eine Frau!". Mayr: "Ich betreibe aktive Frauenförderung. Aber bei der Bereitschaft zu reisen, stößt diese manchmal auf Grenzen". Bayer: "Auch Männer haben Familien und Bedenken. Aber als ich Anfang der 80-er-Jahre in die Chemieindustrie wechselte, war das Ungleichgewicht in den Führungsetagen noch viel größer", räsonniert die vormalige Wirtschaftsjournalistin, die auch einen der Gründe für die schwache weibliche Präsenz in den Chefetagen im mangelnden Networking der Frauen sieht.

Eblinger: "In den Siebzigern war unter zehn Außendienst- Mitarbeitern eine Frau. Jetzt haben wir mehr Frauen als Männer in diesem Bereich". Penk: "Heute hatten wir eine Videokonferenz mit dem Headquarter in New York. Die Hälfte meiner Gesprächspartner waren Frauen." Dietrich verweist darauf, dass er in den sechs Ländern, für die er zuständig ist, mindestens drei Frauen mit General Management-Potenzial identifiziert hat. Allerdings, allesamt hätten auf Familienleben verzichtet. "Da haben es die Männer besser!"

Work/Life-Balance

"Ich habe auch schon Fälle erlebt, in denen Männer in Karenz gingen.", wirft Fucik ein und gibt zu Bedenken, dass das Thema Work/Life Balance bei Neueinsteigern an Bedeutung gewonnen hat. "Das ist auch eine Frage der Leistungsfähigkeit. Man kann nicht immer mit Drehzahl 200 fahren. Wenn ein hochqualifizierter Mitarbeiter nach drei Jahren zum Burn-out wird, die Branche oder das Unternehmen wechselt, ist alles, was wir da investiert haben, verloren!", argumentiert Penk wider kurzsichtiges Denken.

Der weltweit 41.000 Mitarbeiter (234 davon in Österreich) beschäftigende Pharmakonzern Eli Lilly erwirtschaftet konzernweit 11,5 Mrd. USD (11,38 Mrd. Euro) Umsatz. Die Diskussion leitete Personalberater Peter W. Eblinger.

Info

Aventis Pharma erzielte 2001 weltweit mit 75.000 Beschäftigten 17,7 Mrd. Euro Umsatz und investierte 3 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung.

Pfizer ist das weltweit führende Pharmaunternehmen und beschäftigt 90.000 Mitarbeiter, davon allein 12.000 in der Forschung.

Aesca ist die österreichische Tochter von Schering-Plough Corpora_tion, eines der größten weltweit tätigen US-Arzneimittelunternehmen.

MSD erzielte im Vorjahr weltweit 48,50 Mrd. € Umsatz. (Silvia Stefan und Johanna Zugmann/DER STANDARD)

  • Peter W. Eblinger: "In Kürze 30 bis 40 neue Biotechnologie-Start-ups."
    foto: andy urban

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  • Alexander Mayr: "Die Idealkombination wäre ein Arzt mit einem MBA-Abschluss."
    foto: andy urban

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  • Alexandra Fucik: "Leute arbeiten gerne in der Pharmabranche, sie hat Prestige."
    foto: andy urban

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  • Andreas Penk: "Homogeniesierung und Clusterbildung in der nächsten Dekade."
    foto: andy urban

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  • Günther Dietrich: "Naturwissenschafter sollten in Biotech-Szene starten."
    foto: andy urban

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  • Irmgard Bayer: "Forschung ist Pipeline für viele Arbeitsplätze."
    foto: andy urban

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