"Die Türken sind mir sympathisch und vertraut"

4. Oktober 2002, 20:14
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Eine Briefedition zeigt die Dichterin Christine Lavant in internationalen Vernetzungen

Dieses Leben war ein Skandal. Diese Dichtung ein brennender Triumph darüber. Viele Mythenbildungen über die Dichterin Christine Lavant (1915-1973) versuchen aber, das gesellschaftliche Ärgernis (skandalón) ihres armseligen Lebens kleiner, die Komplexität ihrer Lyrik simpler zu machen: Ein Innsbrucker Editionsprojekt von Ursula A. Schneider und Annette Steinsiek, seit 2000 gefördert vom FWF, zertrümmert nun endlich die Mythen.

Wie? Durch eine kommentierte Ausgabe der Briefe Christine Lavants. Warum? Weil durch die vielen Details in diesen auch literarisch faszinierenden Briefen viele einfache Klischees sich als unhaltbar erweisen.

Zum Beispiel: Aus der Tatsache, dass die 1915 bei St. Stefan im Lavanttal als neuntes Kind eines Bergarbeiters geborene Christine Thonhauser ihre ländliche Umwelt aus sozialen und gesundheitlichen Gründen nicht verlassen konnte und ihr Pseudonym nach dem Tal wählte, wurde oft der Trugschluss gezogen, sie sei der Kärntner Heimat besonders verbunden, gar eine "Heimatdichterin" (obgleich eine "Verrückte").

Diese Briefedition nun, die 2004 abgeschlossen sein soll und dann vollständig als CD-Rom-Publikation und in einer Auswahl in einem Briefband (beides bei Otto Müller) vorgelegt wird, zeigt ganz anderes: In den etwa 1900 Briefen von und an Christine Lavant, die Steinsiek/ Schneider in oft detektivischer Kleinarbeit suchten, fanden und nun kommentieren, zeigt sich Christine Lavant als eine, die geographisch und geistig aus Kärnten weit hinaus strebt: Ab 1945 entsteht um Lavant ein Brief-Netz, das über Wien und Salzburg (an Thomas Bernhard) hinausreicht: nach London, nach Stockholm (von Nelly Sachs), nach Israel (an Martin Buber oder Tuvia Rübner - siehe Abb.).

Auch unternahm Lavant, die oft auch als die in ihr kleines Zimmer in St. Stefan Zurückgezogene stilisiert wird, viel mehr Reisen, als bisher bekannt war: nicht nur zu vielen literarischen Treffen in Österreich und sogar Luxemburg, sondern auch, zum Beispiel, in die Türkei. Und was sie hierzu in einem - dem STANDARD von den Herausgeberinnen aus ihrem laufenden Projekt zugänglich gemachten - Brief an Eduard G. Walcher 1958 schreibt, das ist so anti-kärntnerisch auch im politischen Sinne, dass es hier wenigstens ausschnittsweise zitiert sei: "In Istanbul hab ich mich bald nicht mehr gefürchtet u. bin viel allein herumgegangen. Die Türken sind mir sympathisch u. irgendwie vertraut. Sie sind arm u. kindlich u. dabei voll Würde."

Das intellektuelle Niveau ihrer Briefe und Briefpartner zertrümmert dabei auch gleich einen weiteren Mythos: nämlich den, dass die in ihrer Kindheit schon an massiver Sehschwäche Erkrankte (vgl. Das Kind, ed. Steinsiek/Schneider, Otto Müller 2000), der kein Bildungsweg offen stand, nun ein "reines Naturwunder", fern vom Geist, gewesen sei. Oder sie wird reduziert auf einen seelisch zertrümmerten Menschen (die, auch in diesem Projekt erst, bei einer Londoner Briefpartnerin aufgefundenen und 2001 edierten Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus zeugen davon).

Christine Lavants Geist aber hat in ihrer Provinz Nahrung aus aller Welt gesucht. Hier gibt dieses Projekt auch sozialgeschichtlich wichtige Aufschlüsse, über das Lesen am Land, über die Moderne in der Provinz: In der Nachkriegszeit fuhr ein "Amerika-Wagen", eine Fahrbibliothek der Amerikahäuser, durch Kärnten. Christine Lavant las: Thomas Wolfe, Truman Capote, William Saroyan, Graham Greene.

Ein weiteres Beispiel für ihren aufgeschlossenen, im Dorf aber isolierten, Intellekt ist auch ein Brief an Martin Buber 1956, zugleich ein Dokument ihrer sich schonungslos öffnenden Innerlichkeit: "(...) Nur weniges kenne ich von Ihnen und das nur durch ,Zufall': Einsichten und Die Geschichten des Rabbi Nachmann. (Fischer-Bücherei) Rückwärts auf diesem Bändchen ist Ihr Bild und Sie haben weise barmherzige Augen. Und in der Einführung (...) ist viel was ich mit dem Herzen verstehe und viel was ich zu verstehen ersehne aber noch nicht kann; zum Teil wegen meiner Unbildung zum Teil wohl wegen dem gerechten Vorhang zwischen den reinen Dingen und einem unreinen Herzen. Oder: zwischen dem lebendigen Wesen und einer vielleicht schon erstorbenen Seele. Ich lebe fast nur von Schlafpulvern und anderen Giften. Ich lebe schwer und oft in Schwermut die zum Selbstmord drängt (...)". - Die Herausgeberinnen verstehen ihr Projekt auch als zentrale Basisarbeit für eine (geplante) Biografie: Christine Lavant hat keine im engeren Sinne autobiographische Aufzeichnungen hinterlassen, nicht einmal Kalendereintragungen. Ihre Briefe aber zeigen das Leben: ihres und das des Landes. (DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Service
Das Projekt bittet Personen, die sich im Besitz von Lavant-Briefen befinden, um Kontaktaufnahme
(Tel. 0512-507-4503).
Link
Brenner-Archiv

Von Richard Reichensperger

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