Chronik Litauens

7. Oktober 2003, 19:31
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Aufgezeichnet von Manfred Scheuch

3000 v. Chr. Stämme mit baltischer Sprache wandern in den Ostseeraum ein. Sie gehören (anders als die Esten) zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Im Laufe der Jahrhunderte entwickeln sich drei große Ethnien: Litauer, Letten und Prussen (diese wurden im 13./15. Jh. vom Deutschen Ritterorden ausgerottet bzw. germanisiert - ihr Name blieb in "Preußen" erhalten). Die Entwicklung der zahlreichen baltischen Teilstämme hatte noch zu keiner übergeordneten Einheit gefunden, als ab dem 9./10. Jahrhundert fremde Eroberer in ihre Wohngebiete einfielen.

1251 Der Deutsche Ritterorden beginnt 1231 unter dem Vorwand eines "Kreuzzugs" gegen die "Heiden" die Unterwerfung der Prussen. Angesichts dieser Gefahr gelingt es Mindaugas, die litauischen Stämme zu einigen und sich zum Großfürsten zu erheben. Um vom Papst als König anerkannt zu werden, lässt er sich taufen. Der Adel hält großteils am alten Götterglauben fest, Mindaugas wird ermordet.

1330-1410 Unter Großfürst Gediminas und seinen Nachfolgern werden die Grenzen Litauens bis vor die Tore Moskaus ausgedehnt. Großfürst Jogaila (poln. Jagiello) tritt zum Christentum über, heiratet die polnische Erbtochter Jadwiga und wird 1386 König von Polen. Dieser wird 1410 bei Grunwald/Tannenberg (in Ostpreußen) vernichtend geschlagen und muss das zwei Jahrzehnte zuvor besetzte litauische Kernland Schamaiten herausgeben. Das polnisch-litauische Großreich wird Ordnungsmacht in Osteuropa.

1569-1772 Der litauische Adel wird allmählich polonisiert; Litauen ist für ihn nur noch ein regionaler Heimatbegriff. Die Union von Lublin beendet die Gleichstellung der beiden Landesteile, das Großfürstentum ist nur noch Verwaltungseinheit. In Vilnius wird 1579 eine Universität gegründet. Die dort lehrenden Jesuiten bringen erste religiöse Bücher in der litauischen Volkssprache heraus.

1793-1914 Die Teilungen Polens führen zur Einverleibung Litauens in das Russische Reich. Litauische Folklore wird gesammelt, Geistliche wecken das litauische Nationalbewusstsein unter den Bauern. Die polnischen Aufstände von 1830 und 1863 führen zu russischen Repressionen gegen die katholische Geistlichkeit. Der Druck litauischer Bücher wird verboten. Die Auswanderung von litauischen und jüdischen Armen nach Amerika nimmt stark zu. 1905 fordert ein litauischer Landtag Autonomie. Nationale Konflikte mit den Polen um die Stadt Vilnius beginnen.

1915-1922 Die Deutschen besetzen das gesamte litauisch besiedelte Gebiet. Litauen soll unter einem deutschen König Selbstständigkeit erhalten. Die Bolschewiken geben Litauen im Frieden von Brest-Litowsk frei. Nach der Niederlage Deutschlands wird die demokratische Republik ausgerufen. Der Einfall der Roten Armee wird zurückgeschlagen. Im Vertrag von Versailles wird das Memelland vom Deutschen Reich abgetrennt, dann von Litauen annektiert. Polnische Freischärler besetzen die litauische Hauptstadt Vilnius. 1922 annektiert Polen die Stadt.

1920/1953 Die politische und wirtschaftliche Lage des Landes schwächt die Demokratie. 1926 putschen die Armee und die Nationalpartei Tautininkai gegen eine Linksregierung. Das Parlament wird aufgelöst. Rein faschistischen Unterwanderungsversuchen begegnet Staatspräsident Antanas Smetona mit der Verhaftung seines Premiers Voldemaras, dem Verbot aller Parteien und, von der Armee gestützt, mit einem von ihm geführten autoritären ständestaatlichen System.

Im März 1939 muss Litauen das Memelland an Deutschland zurückgeben. Nach der Zerschlagung Polens übergab die Ostpolen besetzende Sowjetunion Vilnius den Litauern. Aber das geheime Zusatzabkommen zum Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt ermöglicht Stalin 1940 die Annektion und Umwandlung Litauens in eine Sowjetrepublik. Sofort wurden die bürgerlichen Eliten des Landes ins Innere der Sowjetunion verschleppt. Im Sommer 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Litauen. Schon im Herbst begann die systematische Ausrottung der Juden. Nach Rückkehr der Roten Armee 1944 wurden rund 350.000 Menschen nach Sibirien deportiert.

1972-1991. Nach dem stalinistischen Terror und dem Tauwetter unter Chruschtschow beantwortete Breschnjew Massendemonstrationen mit neuen Verfolgungen. Erst Gorbatschows Perestrojka weckte eine Volksbewegung ("Sajudis") für die Unabhängigkeit; der litauische KP-Chef Algirdas Brazauskas (seit 2001 Ministerpräsident) förderte sie. Das war gegen Gorbatschows Plan, der eine freie, aber keine zerfallende Sowjetunion wollte. Als Litauen am 4. März 1990 seine Unabhängigkeit erklärte, gingen Sowjettruppen gewaltsam gegen "Sajudis" vor. Der Massenwiderstand, die Empörung des Auslands und die scharfe Kritik des russischen Präsidenten Jelzin ließen Gorbatschow einlenken. Am 6. September 1991 beschloss Moskau, die Unabhängigkeit der drei baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland anzuerkennen. (DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

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