Aspekte einer Herausforderung

7. Oktober 2003, 19:31
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Wie politische Umwälzungen die litauische Literatur veränderten

Ebenso wie die litauische Gesellschaft hat auch die litauische Prosa in kurzer Zeit einen langen Weg zurückgelegt. In der Erzählung des Prosameisters Romualdas Granauskas Duonos valgytojai (Die Brotesser, 1975) beklagen die Eltern, dass ihre Tochter mit ihrem Mann aus dem Dorf in die Kleinstadt ziehen will, die keine 20 Kilometer vom Elternhaus entfernt liegt. Sie bedauern, dass "die Kinder aufwachsen, ohne zu wissen, wie unser hausgebackenes Brot schmeckt". Die Welt dieser Eltern gehörte schon damals der Vergangenheit an, aber tatsächlich waren die Litauer lange Zeit hindurch ein außerordentlich sesshaftes Volk (bis zum Zweiten Weltkrieg lebten 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Dorf und buken ihr eigenes Brot).

Die Figuren von Jurga Ivanauskaite (geboren 1961) hingegen reisen Tausende von Kilometern von ihrer Heimat entfernt herum und kommen völlig ohne Litauen aus. In dem Roman Sapnu nublokti (Von Träumen verweht, 2000) kostet eine Litauerin im fernen Asien "einen Eintopf aus Bananen, Tomaten, Erdnüssen, Mandeln, Rosinen, Knoblauch und bitterer Schokolade", der den Brotessern des litauischen Dorfes vermutlich widerwärtig oder doch sehr befremdlich vorgekommen wäre. Dieser Roman handelt nicht einmal in erster Linie von Litauern, sondern von ortsansässigen Gurus und Reisenden aus aller Herren Länder, und ist daher vielleicht der erste wirklich multikulturelle litauische Roman.

Landflucht

Die massenhafte Landflucht im Litauen der letzten fünfzig Jahre hat sich auch in der Literatur niedergeschlagen. Im zwanzigsten Jahrhundert hatte sich ein gewisser Lyrismus in der litauischen Prosa durchgesetzt, der häufig mit dem langsamen Tempo des Lebens auf dem Dorf und der Nähe zur Natur in Verbindung gebracht wird. Heute hat sich das geändert. Der poetische Grundton ist nicht verstummt, aber er klingt zusammen mit einer Oberstimme von Ironie oder einem extravagangen Solo.

Seit es wieder möglich ist, seine Meinung frei zu äußern, ist die litauische Prosa größeren Veränderungen unterworfen als die Lyrik. Bis 1989 war in der Prosa der Realismus vorherrschend, während es im Gedicht erlaubt war, verschiedene Ausdrucksformen und Inhalte zu entwickeln - Tabuthemen wie zum Beispiel Hinweise auf eine oppositionelle Haltung zum Regime, Gedanken an ein unabhängiges Litauen oder eine positive Einstellung zur Religion natürlich ausgenommen.

Dieser literarische "Realismus" in der Prosa, der von offizieller Seite mit Brief und Siegel anerkannt wurde und der es nicht gestattete, über grundlegende Realitäten des Gesellschaftslebens nachzudenken, wurde von vielen kreativen Leuten der jüngeren Generation höchst misstrauisch betrachtet. Das mag zum Teil erklären, wieso in den letzten Jahren kein großer, bahnbrechender Roman veröffentlicht wurde, der die Zeit der Umwälzungen im Land objektiv aufarbeitete. Doch es gab auch einige herausragende Beispiele an kreativer Vorstellungskraft während der Sowjetzeit. Die Romane von Icchokas Meras (1934 geboren) und Saulius Tomas Kondrotas (Jahrgang 1953) waren von außergewöhnlich kraftvoller Fantasie, vor allem vor dem dominanten Hintergrund des gesellschaftlichen oder auch des poetischen Realismus. Einige ihrer Werke schienen so außerhalb jeder Konventionen, dass es nur aufgrund einer unergründlichen Laune der Zensur möglich gewesen sein kann, dass das alles zu dieser Zeit veröffentlicht werden konnte. Beide Schriftsteller emigrierten: Meras ging in den 70ern nach Israel, und in den 80er-Jahren beschloss Kondrotas, nach einer Reise nach Westdeutschland nicht mehr zurückzukehren.

Das Zeitalter der "neuen" Prosa wurde schließlich mit dem Roman Vilniaus pokeris (Vilnius Poker) von Ricardas Gavelis (1950-2002) eingeläutet. Das Buch erschien 1989, war aber nach Angaben des Autors bereits zwischen 1979 und 1987 verfasst worden. Noch zu Beginn des Jahres 1988 wäre an die Veröffentlichung eines solchen Romans in Litauen nicht zu denken gewesen; die damaligen Machthaber hätten ihn als unverschämt antisowjetisch eingestuft. Der Roman stellt Litauen in einer breiten, globalen Perspektive dar, die für die Prosa der Sowjetzeit alles andere als bezeichnend war. Nicht nur für die Sowjetmacht, sondern auch für einen Teil der patriotisch gestimmten Öffentlichkeit war ein solcher Blickwinkel unannehmbar. Vor dem Hintergrund der damaligen nationalen und religiösen "Wiedergeburt" in Litauen wurde Vilnius Poker, wenngleich zum Bestseller (bei einer für 3,5 Millionen Einwohner gigantischen Auflage von 300.000 Stück) avanciert, zur Zielscheibe scharfer Kritik wegen seiner Sex- und Gewaltszenen und seiner kosmopolitischen Grundhaltung. Gavelis' Herausforderung war also eine doppelte: einerseits gegen das Sowjetsystem aufzutreten und gleichzeitig gegen die damalige Opposition - die konservative nationalistische litauische Tradition.

Auch Jurga Ivanauskaites Roman Die Regenhexe wurde von einem Teil der Öffentlichkeit als Schock aufgenommen. Der Roman (1993; bei dtv im September 2002), wohl Ivanauskaites bestes Buch, eröffnete eine neue Perspektive in der Darstellung der weiblichen sexuellen Leidenschaft und wurde damit zur neuen Herausforderung in der Geschichte der litauischen Literatur. Wegen der Sexszenen unternahm der Stadtrat von Vilnius den Versuch, die Verbreitung des Buches einzuschränken, der Band durfte nur in Sexshops verkauft werden und erreichte so natürlich eine noch größere Popularität. Der Kern der Kontroverse bestand darin, dass Ivanauskaite das Sexualleben eines katholischen Priesters dargestellt hatte; dies war in einem Land mit starken katholischen Traditionen unvereinbar mit dem religiösen und moralischen Empfinden vieler Bürger.

Skandale

Der Streit über die Regenhexe war bis dato das letzte Beispiel eines literarischen Werks, das einen gesellschaftlichen Skandal verursachte. Teilweise vielleicht, weil sich die Leute an diese Sachen gewöhnt haben, die Hüter der Moral haben ihre Aufmerksamkeit auf andere Herausforderungen gerichtet, die wesentlich unverschämter sind und die Massen viel mehr beeinflussen können - und zwar jene Herausforderungen, die aus dem Fernsehen kommen und über Kinoleinwände vermittelt werden; teilweise sicher auch, weil die Literatur in der Gesellschaft an Bedeutung verloren hat. (DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

Von Laimantas Jonusys
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