"Ein Orden, das hat schon was!"

4. Oktober 2002, 19:30
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Der Soziologe Roland Girtler - Autor von "Die feinen Leute" - im Gespräch mit Conrad Seidl

Standard: Gratulation zur Auszeichnung, Herr Professor. Tragen Sie Ihren Orden eigentlich auch?

Girtler: Den wirklichen Orden als solchen kannst nur beim Opernball tragen - und da geh' ich nicht hin. Und trotzdem: Man fühlt sich geehrt, wenn man einen Orden hat.

Standard: Sie könnten sich aber die Rosette anstecken, das Ordensband am Revers tragen.

Girtler:Das stecke ich mir tatsächlich hie und da an, wenn ich auf den Tisch hauen will. Ein Orden, wenn man den trägt, das hat schon was!

Standard: Was hat es denn für eine Bedeutung, wenn man sich heutzutage einen Orden ansteckt?

Girtler:Orden sind eine uralte Tradition. Der Mensch ist nun einmal ein "animal ambitiosum", ein nach Beifall heischendes Wesen. Übrigens auch die, die immer behaupten, dass sie den Beifall gar nicht suchen. Der Mensch will sich abgrenzen, will zeigen, dass er herausgehoben ist.

Standard: In Ihrem Fall handelt es sich um das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse - Sie sind also als "besonderer" Wissenschafter ausgezeichnet?

Girtler:In meinem Fall haben das Studenten hinter meinem Rücken eingereicht, und wenn mir der Orden zuerkannt wurde, dann wird das schon bedeuten, dass ich wissenschaftlich nicht ganz schlecht bin. Wenn man einen Orden hat oder einen Professorentitel, dann heißt das, man is' was. Man is' was Besonderes. Die Menschen sind dankbar, wenn sie Titel und Orden tragen können - und es ist ja unglaublich, welche Bedeutung plötzlich wieder der Aristokratie zugemessen wird: Kleidung, Wappen und Orden tragen zur Unterscheidung bei. Man gehört damit andererseits wieder einer Gruppe an, einer Gruppe derer, die die gleiche Auszeichnung haben.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.10.2002)

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