"Wirklichkeit, gibt's die denn noch?"

7. Oktober 2002, 18:18
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Anmerkungen zu Peter Handkes Bericht vom Prozess gegen Milosevic im "SZ"-Magazin

Handke in Den Haag! Der Dichter, der einst für den Ausruf "Gerechtigkeit für Serbien" bestenfalls als "weltfremd" ge- (t)adelt und ansonsten mit Häme übergossen worden war, als Berichterstatter beim Prozess gegen Slobodan Milosevic! Schon im Februar, als bekannt wurde, dass Peter Handke im Auftrag der Süddeutschen Zeitung unterwegs war, ergingen sich Kritiker in bösen Vorahnungen. Als schließlich eine Vo- lontärin der Berliner Zeitung Handke den Satz "Milosevic ist wundervoll!" entlockt haben wollte, setzte gleich ein fröhliches Kesseltreiben ein. Aber das Zitat war eine Zeitungsente, und mittlerweile schien das Feuilleton mit Handke nach dem Buch Der Bildverlust wieder versöhnt.

Und jetzt das: Nicht ohne Genuss vermeldete die SZ schon zu Beginn der Woche, praktisch das gesamte SZ-Magazin am Freitag Handkes Essay "Und wer nimmt mir mein Vorurteil?" zu widmen. "Es wird viele Kritiker überraschen", hieß es dann auf Seite drei des Magazins, wo man auch darlegte: "Die letzten Änderungen wurden in diesem September am Tegernsee besprochen: bei von Handke gesammelten und zubereiteten Steinpilzen."

Das klingt gemütlich. Handkes Text, sperriger und bedachter als seine bisherigen Ausführungen zu Exjugoslawien, ist es nicht. Was er vor allem nicht liefert: Eine klassische Reportage samt Lesarten zu Schuld, Unschuld und vielleicht sogar zur Banalität des Bösen, die Zeitungsherausgeber früher bei vergleichbaren Schauprozessen gerne bei Dichtern in Auftrag gaben. Eine literarische Gattung, die in Zeiten von Reality-TV leider etwas ins Hintertreffen geraten ist: Angeblich kann sich auf CNN ja ohnehin jeder ein Bild machen.

Auslassungs"fehler"

Gegen dieses Bild (und gegen das von ihm selbst in den Medien gemachte) schreibt Handke nun an. Oder richtig: Er antwortet darauf mit einer monumentalen Auslassung: Weder in Fotos (hier: Naturaufnahmen aus Bosnien) noch in Zitaten steht Milosevic im Zentrum des Interesses des "altmodischen" Betrachters. Es ist vielmehr so, dass sich permanent Erinnerungen (an frühere Gerichtsbesuche), assoziative Überlegungen zur Kriminalliteratur vor dieses Zentrum schieben, so wie Handke rein auf die "location" bezogen schreibt: "Von dem Hotelfenster aus sah ich weder die See noch das Zuchthaus."

Hatte Handke in seinen bisherigen Texten eine private "Nahaufnahme" quasi gegen die Totale der internationalen Medien ausgespielt, so steht er jetzt auch schon dem "Blick vor Ort" skeptisch gegenüber. Immer wieder verhakt sich die Beschreibung in fast schon absurden Details, manchmal erreicht sie dabei aber die Tiefe der berühmten Opfer-und Täter-Interviews von Claude Lanzmann. Handke über die Erinnerungen eines Zeugen, den nach Folterung und Gewalttaten die Veränderung einer gewohnten Landschaft quälte: "Den Raumverlust erlitt er ungleich schmerzhafter als jede (sonstige) Entbehrung?"

Fragezeichen. Und wenn Handke auch manchmal wieder die Stimme gegen die Ranküne etablierter Meinungsmacher erhebt, so ist sein "Versuch" über das Vorurteil doch ein ungewöhnlich ruhiger Text geworden, der freilich einen bitteren Nachgeschmack nachhaltig entfaltet: "Die Untaten auf dem Balkan, begangen so oder so, im Inland und an Schreibtischen (Schreib?) im Ausland, haben gesühnt zu werden, ob ,wir das den Opfern schuldig sind' oder auch nicht. Aber wie? Aber wo? Und von wem?"

Handkes Schluss: "Jemand, gefragt, ob ihm noch über etwas die Tränen kämen, gab zur Antwort: Ja, aber nur noch in Filmen. Und er fügte hinzu: Es ist Zeit, endlich wieder außerhalb der Kinos zu weinen, in der Wirklichkeit. ,Aber die Wirklichkeit, gibt's die denn noch?'" Vor diesem Hintergrund ist die Publikation im SZ-Magazin besonders klug gedacht: Ein bewusst mitbedachtes Umfeld, zu dem sich Handkes Bericht (der angeblich nicht in Buchform erscheinen wird) verhält wie ein kostbarer Fremdkörper.

Kolumnen (Das Beste aus meinem Leben), Gourmettipps (... dazu der passende Wein) und Inserate (Kaschmir: Luxus für die Seele!) bedrängen förmlich Handkes Notate wider den "Zwang zu kurzen und noch kürzeren Sätzen, welcher den Augen-oder Wahrschein nicht bloß behindert, ihn vielmehr kurz und klein schlägt". Gleichsam ins Unreine hinein legt Handke einen seiner bedenkenswertesten Texte vor. (DER STANDARD; Printausgabe, 05.10.2002)

von Claus Philipp
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