"Ein Schanigarten ist ein Arbeitsplatz"

4. Oktober 2002, 19:21
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Kammerpläne für weniger Gastgärten - Klagen über kaum noch freie Flächen

Wien - Oberkellner Hagen lächelt milde zu den Plänen der Wirtschaftskammer: "Jedes Stück Schanigarten weniger ist ein Arbeitsplatz weniger." Und überhaupt: Mit einer 112-jährigen Tradition werde im Café Korb auf der Brandstätte nicht gebrochen, kommentiert Herr Hagen die Vorschläge von Kammerpräsident Walter Nettig.

Dieser hat angekündigt, mit einer Gesetzesnovelle das Ausufern von Gastgärten, speziell im ersten Bezirk, unter Kontrolle bringen zu wollen. Es gebe angesichts zu vieler Kaffeegärten anderswo bereits Umsatzeinbußen, klagte der Präsident. Sowohl bei Gastronomen wie auch Kaufleuten. Deren Geschäftseingänge seien oft mit Tischen verstellt.

Herr Hagen glaubt aber, dass die Geschäftsleute sehr wohl profitieren: "Die Leute schauen beim Kaffeetrinken in die Schaufenster."

Naturgemäß sehen Gastronomen nur Vorteile, wenn sie sich auf Gehsteigen und in Fußgängerzonen mit ihrem Mobiliar oder - die kalte Saison naht - mit Punschstandln ausbreiten.

Winterbarrieren dieser Art drohen Juwelier Hübner am Graben nach dem Sommertrubel mit einem Freiluftcafé italienischer Provenienz: Erst der erschwerte Zugang durch Tisch und Sessel, dann kämen Christbaum und Punschhütte vor die Tür. "Metastasierend", nennt man bei Hübners das Gastgartenphänomen.

Ein Stück weiter hat sich die Filialleiterin einer Parfümeriekette mit dem benachbarten Gastgartenbesitzer aber gütlich einigen können: Tische und Sessel bleiben fern dem Schaufenster, eine rote Kordel markiert die Spazierzone um das Geschäft.

Kein Platz mehr

Im ersten Bezirk sieht auch Vorsteher Franz Grundwalt (VP) ein, dass es zu viele Gastgärten gibt. Allerdings ist die Genehmigung Bezirkssache - "wir bräuchten aber mehr Mitsprache" für Einsprüche, sagt Grundwalt. "De facto gibt es kaum mehr freie Flächen", erkennt auch Wirtesprecher Josef Bitzinger die große Konkurrenz auf wenig Platz. Weitere "Begehrlichkeiten" gebe es dauernd, Gäste unter freiem Himmel bewirten zu wollen. Er sieht für seine Klientel auch das Problem, dass jetzt bald Saisonschluss ist. "Im Winter genehmigt die Gemeinde nicht, Tische draußen aufzustellen." Dabei wäre es an sonnigen Tagen so angenehm, wenn man "über Mittag in den warmen Stunden" auch draußen servieren dürfte. "Nur dort, wo keine Autoparkplätze sind", beugt er weiteren Protesten vor.

Die Punschhütten sieht Bitzinger als geringeres Problem. Diese werden - je nachdem, ob sie caritativen oder rein gewerblichen Zwecken dienen - von zwei verschiedenen Magistratsabteilungen "nach Einreichung aller Pläne und einem Lokalaugenschein" genehmigt. Tendenz steigend, wird am Marktamt großes Interesse registriert, die "Leute lieber draußen mit Punsch zu versorgen. (aw/DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2002)

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    foto: standard/semotan
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