"Keiner will sich Finger verbrennen"

5. Oktober 2002, 16:41
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Börsen auf Rekordtiefs - Gewinn- warnungen und schwächelnde Konjunktur belasten - Ende der Unsicherheit nicht in Sicht

Wien - Der Gegenwind, der Investoren auf den Börsenparketts beiderseits des Atlantiks entgegenbläst, hat auch in der abgelaufenen Handelswoche nicht abgenommen. Gewinnwarnungen der US-Technologietitel AMD und EMC oder des Flugzeugbauers Boeing bestärkten die Börsianer in ihrer Kauf-Zurückhaltung ebenso wie mehrheitlich schlechte Konjunkturdaten: Die Geschäftsklimaindizes des produzierenden Gewerbes signalisieren nun sowohl in den USA als auch in der Eurozone eine rezessive Entwicklung, bei den Dienstleistern befindet sich nur noch der US-Index im expansiven Bereich. Freundlichere Meldungen wie die US-Arbeitslosenzahlen am Freitag finden zur Zeit kaum Gehör.

"Momentan will sich keiner die Finger verbrennen, selbst die größten Optimisten halten derzeit bestenfalls bestehende Positionen", beschreibt Raiffeisen Zentralbank-Analyst Helge Rechberger die Stimmung der Anleger. Nach dem Auslaufen der Gewinnwarnungs-Saison zum dritten Quartal sei bereits alles Negative in den Kursen enthalten, daher seien von der anstehenden Berichtssaison keine bösen Überraschungen zu erwarten. Gute Ertragszahlen könnten sogar den "Katalysator" darstellen, der den Märkten laut Rechberger für eine kräftigere Erholung fehlt.

Weiter Unsicherheit

Weiterhin unsichere, volatile Aktienmärkte erwartet Ricardo Aitzetmüller da Cruz von der Erste Bank: "Die Vorsicht herrscht vor." Mit einer stärkeren Rally wie im Herbst des Vorjahres sei daher nicht zu rechnen, eher mit einer moderaten Erholung im Rahmen der seit Mitte September andauernden Seitwärtsbewegung. Auch im charttechnischen Bild des US-Marktes erkennen die Erste-Analysten keine Anzeichen einer "deutlichen Trendumkehr". Der Dow Jones beendete die Handelswoche auf einem neuen Vier-Jahres-Tief bei 7.528,40 Zählern.

Weitere Underperformance in Europa wahrscheinlich

Anders der deutsche Aktienmarkt, dessen Charttechnik die Erste Bank weiterhin negativ beurteilt. Somit ist eine Fortsetzung der Underperformance der europäischen Börsenplätze, insbesondere Frankfurts, wahrscheinlich. Der Frankfurter DAX ging am Freitag mit einem neuen Jahrestief bei 2.714,62 Einheiten aus dem Handel. Dem Eurostoxx-50 erging es mit einem 4,6-prozentigem Wochen- Minus auf 2.236 Einheiten nicht wesentlich besser. Deutsche Aktien seien stark vom Export und damit vom Euro und der US-Konjunktur abhängig, die deutsche Binnennachfrage gestalte sich sehr schwach, so da Cruz zur Begründung. Weiters hätten US-Investoren wegen der jüngsten politischen Spannungen zwischen Deutschland und den USA zuletzt kaum Käufe in Frankfurt getätigt. Zudem sind europäische Indizes stärker finanzlastig als ihre US-Pendants. Es kursierten Gerüchte um Schieflagen großer Finanzinstitute, laut da Cruz zumindest ein Indiz für die angespannte Situation des Sektors.

Japan im Tief

Noch schlimmer stellt sich die Situation am japanischen Aktienmarkt dar. Der Tokioter Nikkei-225 durchbrach am Donnerstag die 9.000 Punkte-Marke nach unten und markierte damit den tiefsten Stand seit August 1983. Am Freitag erholte sich der Index auf 9.028 Zähler und begrenzte das Wochenminus auf 5,3 Prozent.

Tristesse in Wien

Auch die Wiener Börse hat in dieser Woche abermals an Terrain verloren. Konnte sich der Leitindex ATX bis Donnerstag behaupten, sorgte letztlich ein schwarzer Freitag - ausgelöst durch kräftige Kursverluste bei dem mit Abstand schwersten Wert, der Erste Bank - für eine rote Wochenbilanz. Im Wochenvergleich büßte der Index der wichtigsten österreichischen Aktien um 2,0 Prozent auf 1.043,88 Punkte ein. Seit Jahresbeginn ist es mit dem ATX 8,5 Prozent bergab gegangen. Eine langfristige Aufwärtstendenz ist nach Meinung von Marktbeobachtern auch in Wien nicht in Sicht. Für die kommende Woche sehen Analysten den Wiener Leitindex in einer Spanne zwischen 1.025 und 1.080 Punkten. (APA)

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    An den internationalen Märkten herrscht Vorsicht vor. Mit einer Rally ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.

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