Milosevic wirft Zagreb Vertreibung von hunderttausenden Serben vor

4. Oktober 2002, 17:24
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"Geschützeter Zeuge C 037" im Kreuzverhör - Ex-Präsident Lilic soll aussagen

Den Haag - Der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic hat am Freitag vor dem UNO-Tribunal in Den Haag der kroatischen Regierung die Vertreibung von mehreren hunderttausend Serben aus Kroatien vorgeworfen. Vor 1995 habe es Pogrome gegen Serben gegeben, sagte der wegen Kriegsverbrechen in Kroatien in den Jahren 1991/92 angeklagte serbische Politiker. Er erhob seine Vorwürfe beim Kreuzverhör eines "beschützten Zeugen" (C 037), dessen Identität nicht bekannt gegeben wurde. Gleichzeitig ebneten die Richter am Freitag den Weg dafür, dass Zoran Lilic, der vor Milosevic Präsident Jugoslawiens war, als Zeuge der Anklage aussagen kann.

Bei Milosevics Kreuzverhör-Fragen meinte der Vorsitzende Richter, Richard May, dass der Angeklagte mit seinen Vorwürfen sichtlich die Orientierung verliere. Seine Erklärungen stünden nicht im Zusammenhang mit den ihm vorgeworfenen Verbrechen. Bei der am Vortag abgeschlossenen Befragung des kroatischen Präsidenten Stipe Mesic hatte Milosevic ebenfalls Kroatien schwerer Verbrechen beschuldigt.

Der Angeklagte warf dem kroatischen Staatsoberhaupt vor, dass Kroatien schuldig sei an den blutigen Konflikten, die dem Zusammenbruch der Sozialistischen Republik Jugoslawien folgten. Dafür gehöre Mesic vor Gericht gestellt, meinte Milosevic. Auch dabei war er vom Vorsitzenden Richter erinnert worden: "Es geht hier nicht darum, dass die andere Seite Verbrechen begangen haben soll". Mesic hatte in seiner Aussage Milosevic vorgeworfen, dass er die serbische Minderheit in Kroatien aufgewiegelt habe, um dann die jugoslawische Armee zur angeblichen Schlichtung nach Kroatien rufen zu können. Dann habe Milosevic Bosnien-Herzegowina angreifen und seine Pläne für ein Groß-Serbien verwirklichen wollen.

In einer schriftlichen Entscheidung räumten die Milosevic-Richter am Freitag der Regierung in Belgrad die Möglichkeit ein, zu der mit Spannung erwarteten Aussage von Lilic als Zeugen der Anklage Beobachter zu entsenden. Die Richter folgten damit dem Antrag der jugoslawischen Regierung. Lilic, von dessen Aussage die Anklage Insider-Informationen erhofft, sollte bereits im Juli aussagen, lehnte dies aber ab. Er fürchte, dass ihm Belgrad Verstöße gegen Staatssicherheitsbestimmungen vorwerfen könne. Die Anklage erklärte sich daraufhin bereit, vorab die Themen genau zu umreißen, zu denen Lilic befragt werden soll und Belgrad darüber zu informieren.

Milosevic muss sich seit dem 12. Februar vor dem Tribunal zur Anklage der Kriegsverbrechen und Verbrechen im Kosovo verantworten. Seit dem 26. September werden ihm auch Verbrechen in Kroatien vorgehalten. Zudem ist er wegen Völkermords im Bosnienkrieg angeklagt. (APA/AP/dpa)

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