Zusammenstöße vor Al Aksa-Moschee in Jerusalem

4. Oktober 2002, 16:12
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Palästinenser: Seit Beginn der Intifada wurden 340 Kinder getötet

Jerusalem/Ramallah - Bei Zusammenstößen zwischen militanten Palästinensern und israelischen Polizisten sind am Freitagmittag kurz nach dem traditionellen Freitagsgebet auf dem Tempelberg in der Altstadt Jerusalems mehrere Palästinenser verletzt worden. Die Polizei hatte die Esplanade, das den Moslems heilige Gelände vor der Moschee, gestürmt, nachdem Extremisten von oben herab Steine auf jüdische Gläubige an der Klagemauer geworfen hatten. Die Polizisten setzten Blendgranaten, Tränengas und gummi-ummantelte Stahlgeschosse gegen die Aktivisten ein, berichteten Augenzeugen. Auch aus der besetzten Stadt Jenin im Westjordanland wurden Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten gemeldet.

Peres kündigt neue Friedensgespräche an

Ungeachtet der neuen Spannungen kündigte Israels Außenminister Shimon Peres am Freitag neue Gespräche mit der palästinensischen Führung über eine Beendigung des Konflikts an. Peres traf am Morgen in Tel Aviv mit Nahost-Repräsentanten des so genannten Quartetts zusammen - Vertretern der USA, der UNO, der EU und Russlands, die sich gemeinsam um eine Lösung des Nahost-Konflikts bemühen. Israel gab am Freitag bekannt, dass es umgerechnet rund 14,5 Millionen Euro an Steuergeldern an die Palästinenser überweisen werde, die es seit zwei Jahren zurückgehalten hatte.

Polizei stürmt Tempelberg

Zu der neuen Gewalt auf dem Tempelberg kam es nach dem Freitagsgebet, als die meisten der etwa 5000 Gläubigen das Gelände bereits verlassen hatten. Rund 150 militante Palästinenser blieben nach Augenzeugenberichten jedoch in der Al-Aksa-Moschee zurück und begannen danach, von dem Plateau aus Steine auf betende Juden am Fuße der Klagemauer zu werfen. Daraufhin stürmten etwa 50 israelische Polizisten den Tempelberg (arabisch: Haram al Sharif, "edles Heiligtum"). Starke Polizei-Einheiten zogen später in der Jerusalemer Altstadt auf, um weitere Zwischenfälle zu verhindern.

IDF verletzt Zwölfjährigen lebensgefährlich

Israelische Soldaten schossen am Morgen in der besetzten Stadt Nablus im Norden des Westjordanlandes auf einen Zwölfjährigen und verletztem ihn lebensgefährlich. Nach palästinensischen Angaben war das Kind offenbar in die Schusslinie geraten, als die Soldaten auf einen fliehenden Taxifahrer feuerten, der die seit Monaten andauernde Ausgangssperre missachtet hatte. Auch in Jenin wurden nach palästinensischen Berichten mehrere Zivilisten durch Schüsse verletzt. Im Gazastreifen feuerten Palästinenser erneut mehrere Mörsergranaten auf jüdische Siedlungen im Süden des Gebiets. Im Westjordanland nahm die Armee erneut mehr als ein Dutzend Palästinenser fest.

Die Palästinenser-Regierung ist nach palästinensischen Angaben bereit, zu einem Ende der Gewalt im Gaza-Streifen beizutragen, falls Israel und die USA die Unverletzbarkeit der Gebiete garantierten. "Zunächst können wir damit beginnen, dort die Verantwortung für die Sicherheit zu übernehmen, wo wir dazu in der Lage sind", sagte am Freitag Mahmud Abbas, der ranghöchste Politiker in der Palästinensischen Befreiungs-Organisation (PLO) nach Palästinenser-Präsident Yasser Arafat.

Dies sei im Gaza-Streifen der Fall, wo noch Sicherheitskräfte der Palästinenser vorhanden seien. Israel und die USA müssten jedoch garantieren, dass die Politik der gezielten Tötung palästinensischer Extremisten, die Zerstörungen und Vorstöße in die Gebiete aufhörten, sagte Abbas, der auch als Abu Mazen bekannt ist, in der Zeitung "El Hayat". Der 67-Jährige wird als Nachfolger Arafats gehandelt und gilt als Vertreter eines Reformkurses unter den Palästinenser-Politikern. Er hält sich derzeit zu Gesprächen mit der russischen Regierung in Moskau auf.

Israel bezahlt Schulden bei Autonomiebehörde

Unter starkem Druck der USA wird Israel in den nächsten Tagen 70 Millionen Schekel (etwa 14,5 Mio Euro) an die Autonomiebehörde überweisen, die es seit zwei Jahren zurückgehalten hat. Bei dem Geld handelt es sich um die dritte Rate von insgesamt umgerechnet 44,5 Millionen Euro, zu deren Rückzahlung sich die Regierung verpflichtet hatte. Die ersten beiden Raten waren im Juli an die Autonomiebehörde überwiesen worden. Insgesamt hat Israel den Palästinensern seit Beginn des blutigen Konflikts vor zwei Jahren die Zahlung von umgerechnet 420 Millionen Euro an Steuergeldern und Zöllen verweigert, die es im Auftrag der Autonomiebehörde eingezogen hatte.

Bei israelischen Militäroperationen in den Palästinensergebieten sollen seit Beginn der Intifada vor zwei Jahren 340 Kinder getötet worden sein. Dies gaben zwei regierungsunabhängige palästinensische Organisationen am Freitag in Genf bekannt. Die meisten der getöteten Kinder seien nicht an gewalttätigen Auseinandersetzungen und Demonstrationen beteiligt gewesen. Die israelische Behauptung, dass die Kinder von den Palästinensern als lebendige Schutzschilde eingesetzt würden, bezeichnete die Sprecherin der Organisation Early Childhood Resource Center als "Fiktion".

Rund 350 palästinensische Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sollen in israelischen Gefängnissen sitzen. Dabei würden die 16- bis 17jährigen Palästinenser der israelischen Militärgerichtsbarkeit unterworfen und wie Erwachsene behandelt. Die 14- bis 15-Jährigen würden oftmals mit minderjährigen israelischen Kriminellen zusammengelegt und von diesen misshandelt. Viele der festgenommenen Jugendlichen dürften keinen Besuch ihrer Eltern erhalten; darüber hinaus stünde ihnen oftmals kein palästinensischer Rechtsanwalt zur Verfügung. Die Organisationen befinden sich auf Einladung des UNO-Komitees für die Rechte des Kindes in Genf. (APA/dpa/Reuters)

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