Kooperation statt Abgrenzung zwischen Kostunica und Labus

4. Oktober 2002, 13:45
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Angst vor geringer Wahlbeteiligung in Folge von Seseljs Boykottaufruf lassen Kontrahenten sanftere Töne anschlagen

Belgrad - Vor der Stichwahl für das Präsidentenamt in Serbien am 13. Oktober haben die Kandidaten, der jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica und der jugoslawische Vizeministerpräsident Miroljub Labus, sanftere Töne angeschlagen. Die überraschend hohe Unterstützung, die der serbische Ultranationalisten-Führer Vojislav Seselj letzten Sonntag mit 23 Prozent der Stimmen bekommen hatte, dürfte im demokratischen Lager für Ernüchterung gesorgt haben. Kostunica und Labus sind nun offenbar nicht mehr so stark bemüht, den Akzent auf die vermeintlichen Unterschiede zwischen ihnen zu setzen.

Seselj hatte zum Boykott der Stichwahl aufgerufen, weswegen die Wahlbeteiligung unter die erforderlichen 50 Prozent fallen könnte. Labus ließ nun wissen, dass der Erfolg der Stichwahl, egal zu Gunsten welches Präsidentschaftskandidaten, von nationalem Interesse sei. Er unterstütze alle sieben Punkte des Wahlprogrammes von Kostunica, es stimme mit seinem eigenen Wahlprogramm überein, meinte er. Der jugoslawische Vizeministerpräsident machte gleichzeitig auf den "feinen Unterschied" zwischen ihm und Kostunica aufmerksam. Während sich Kostunica eines erfolgreichen Expertenteams nicht sicher sein könne, habe er (Labus) bereits für fähige Mitarbeiter vorgesorgt.

Kooperationsangebot Kostunicas an Labus

Die Antwort Kostunicas, der als Favorit in die Stichwahl geht, ließ nicht lange auf sich warten. Er sei bereit, mit Labus auch in Zukunft zu kooperieren. "Serbien braucht Labus, damit er die Verhandlungen mit der EU über das Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen fortsetzt", erläuterte der jugoslawische Präsident die von ihm gewünschte künftige Rolle seines Herausforderers. Eher als Feststellung eines kosmetischen Fehlers klang die Bemerkung des Präsidenten, Labus habe "nicht wahrgenommen", dass der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic Menschen wie "Einwegflaschen" behandle.

Für ungültig erklärte Wahlen würden Land in tiefe Krise stürzen

Kostunica und Labus befürchten, dass Serbien in eine tiefe politische Krise stürzt, wenn die Präsidentenwahl wegen niedriger Wahlbeteiligung für ungültig erklärt wird. Nutznießer wäre gewiss der geschickte Führer der Serbischen Radikalen Partei, Seselj. Mit dem angekündigten Wahlboykott will er den Weg zu vorgezogenen allgemeinen Wahlen bahnen.

Zwischen dem jugoslawischen Präsidenten und dem Vizeministerpräsidenten gab es vor dem Wahlkampf keine öffentlichen Streitigkeiten. Ihre Zusammenarbeit war größtenteils reibungslos. Andererseits scheint sich die große Rivalität zwischen Kostunica und dem serbischen Ministerpräsidenten Djindjic, der Labus unterstützt, im Wahlkampf noch vertieft zu haben.

Streitigkeiten hat manche vom Urnengang abgehalten

Streitigkeiten unter Führungsfunktionären der regierenden Demokratischen Opposition Serbiens (DOS) hatten am letzten Sonntag manch einen enttäuschten DOS-Anhänger von der Teilnahme am Urnengang abgehalten. Kostunica und Labus sind nun bemüht, durch mildere Töne ihre Attraktivität im demokratischen Lager zurückzugewinnen. Hilfe bekamen sie auch vom Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche. Patriarch Pavle appellierte an die Landsleute, sich an der Stichwahl zu beteiligen. Ihr Misserfolg würde eine "wesentliche Verschlechterung der politischen Verhältnisse" auslösen, wird der Patriarch am Freitag von Belgrader Printmedien zitiert. (APA)

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