BRD: Psychische Erkrankungen nehmen zu

4. Oktober 2002, 10:55
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Sie stehen an sechster Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit

Augsburg - Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung muss mindestens einmal im Leben wegen einer psychischen Erkrankung stationär behandelt werden. Solche Leiden sind mittlerweile der häufigste Grund für Frühpensionierungen von Frauen und stehen insgesamt an sechster Stelle der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Augsburg berichtet.

13,5 Prozent der Krankenhaustage und zehn Prozent der Kosten für stationäre Behandlungen seien auf psychische Leiden zurückzuführen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählten Depressionen, Angsterkrankungen, und Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten und Drogen. Die Gründe für den rasanten Anstieg solcher Fälle sind nach Angaben der Experten vielschichtig.

Enttabuisierung

Zum einen führten moderne Untersuchungsmethoden dazu, dass mehr psychische Leiden diagnostiziert würden. Auch Ärzte seien stärker bereit, Syndrome, die früher als Spleen oder Tick abgetan worden seien, als eigenständige Erkrankungen anzuerkennen. Zugleich würden in der Bevölkerung Erkrankungen der Psyche enttabuisiert und etwa im Falle von Depressionen als Zivilisationsleiden akzeptiert.

"Wer sich früher dazu bekannte, eine Therapie zu machen, galt als irre und geisteskrank. Das hat sich heute in einigen Bevölkerungsschichten etwas geändert", sagte der Sprecher der Fachgesellschaft, Peter Falkai. Doch diese äußeren Faktoren seien nicht allein verantwortlich für die Zunahme. Vielmehr entwickelten viele Menschen "Überforderungs- und Abnutzungserscheinungen in unserer immer schnelleren und unsicheren Welt". Sie müssten schneller reagieren, mehr Entscheidungen treffen. "Gleichzeitig treten Strukturen, an denen sie sich orientieren können, in den Hintergrund", sagt Falkai.

Veränderungen

Der Anteil der Menschen, die derzeit unter so genannten affektiven Störungen leiden, beträgt nach Angaben der Therapeuten im Bundesdurchschnitt rund fünf Prozent. Im Saarland zum Beispiel liege er dagegen bei neun Prozent. "Hier haben viele Menschen den Verlust der traditionellen Industrien und vieler Arbeitsplätze nicht verkraftet", betonte der Professor.

Eine ähnliche Entwicklung sei in den neuen Bundesländern zu beobachten, wo sich zugleich die sozialen Strukturen der DDR-Zeit aufgelöst hätten. Ein mentaler Rahmen - ob ideologisch oder religiös - wirke stabilisierend. "Geld zu verdienen und Fun zu haben, scheint diesen nicht ersetzen zu können", sagte Falkai. Er spricht von geradezu frühkapitalistischen Problemen, die die Menschen seit den 90er Jahren wieder ereilten. (APA/AP)

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