Symbolischer Mördergruß

10. Oktober 2002, 11:31
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Heckenschütze von Washington soll eine Tarotkarte am Tatort hinterlegt haben

Washington - Der mysteriöse Heckenschütze von Washington hat Medienmeldungen zufolge eine erste Botschaft hinterlassen: Am Ort seiner bisher letzten Tat habe die Polizei eine Tarotkarte mit der handschriftlichen Notiz "Lieber Polizist, ich bin Gott" gefunden, meldete die Washington Post am Mittwoch. Schon Dienstagabend hatte der Fernsehsender WUSA-TV Gleiches berichtet, beide Medien nannten dabei Polizeistellen als Informationsquelle.

Der mutmaßliche Mörder habe die Karte ausgesucht, die im Tarotspiel - einem Kartenspiel für Wahrsager - für den Tod steht. Die Karte sei in einem Gebüsch neben einer Patronenhülse gefunden worden. Offensichtlich habe der Täter dort auf sein bisher letztes Opfer, einen 13-jährigen Schüler, gewartet. Das Gras im Unterholz sei flach gedrückt gewesen. 150 Meter entfernt von dieser Stelle steht die Schule, vor der der Bub am Montag durch einen Schuss in die Brust schwer verletzt wurde.

Polizei empört

Am Mittwochnachmittag reagierte Polizei empört über diese Berichterstattung. Es sei erschütternd, dass die Medien mit immer neuen Spekulationen versuchten, die Arbeit der Exekutive zu behindern, sagte Polizeichef Charles Moose aus dem Bezirk Montgomery.

Moose wollte nicht bestätigen, dass die Polizei die Tarotkarte tatsächlich fand, und sagte, große Berichte über mögliche neue Spuren behinderten die Ermittlungen. Der Beamte kritisierte so genannte Experten, die in den US-Sendern seit Tagen stündlich ihre Meinung zu dem Fall abgeben. Dies seien meist pensionierte Polizeibeamte, die keinerlei Zugang zu den Ermittlungsakten hätten, aber wild spekulierten und damit der Bevölkerung einen falschen Eindruck vom Täter vermittelten.

Die mysteriöse Attentatsserie hält die Menschen in Washington und Umgebung seit einer Woche in Atem: Sechs Menschen wurden jeweils durch einen gezielten Schuss getötet, zwei weitere verletzt.

Unpolitischer Terror

Jeffrey Butts, ein Kriminalitätsexperte von der Universität Michigan, stufte die Morde als "untypisch" und als Form des "nicht politischen Terrorismus" ein. Normalerweise würden Massenmörder ihrem Ärger "mit einem Gewaltausbruch an einem bestimmten Platz" Luft machen. "Hier aber handelt es sich um eine vorsätzliche, kalkulierte Tat über mehr als eine Woche hinweg. Für die Menschen ist das viel erschreckender und furchteinflößender."

"Die Frage, wie man es vermeiden kann, zum Ziel zu werden, ist sehr komplex", er-läuterte Charles Moose, der Polizeichef von Montgomery County. "So weit wir wissen, haben wir keine Antwort."

Washingtons Bürgermeister Anthony Williams und Parris Glendening, Gouverneur von Maryland, appellierten an den Täter, mit dem "wahnsinnigen Morden" aufzuhören. (AFP/DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2002)

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