Nulldefizit war teuer erkauft

5. Oktober 2002, 10:18
14 Postings

Wirtschaft wuchs 2001 nur 0,7 Prozent

Wien - Das Jahr 2001 ging für die heimische Wirtschaft schlechter aus, als bisher angenommen wurde. Die Statistik Austria musste ihre Angaben zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach unten korrigieren: Das BIP wuchs 2001 nur 0,7 Prozent und nicht, wie bisher errechnet, ein Prozent. Nominell (ohne Berücksichtigung der Inflation) legte es um 2,3 Prozent auf 211,9 Milliarden Euro zu, erklärte die Statistik Austria am Freitag.

Der Rückgang fiel besonders drastisch im Vergleich zum Jahr davor aus: 2000 lag das reale BIP-Wachstum noch bei 3,5 Prozent, ein halber Prozentpunkt höher als bisher errechnet. Österreich fiel damit auch klar unter den Durchschnitt der EU-Mitglieder, die 2001 noch 1,5 Prozent BIP-Wachstum verzeichneten. Ähnlich schlecht fiel das Wachstum nur 1993 und 1984 (plus 0,4 Prozent) aus; 1981 schrumpfte Österreichs BIP um 0,1 Prozent.

"Effekt des Nulldefizits"

Der Budgetexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts, Markus Marterbauer, sieht in dem drastischen Rückgang vom starken Wachstumsjahr 2000 zum stagnierenden Jahr 2001 den Effekt des so genannten "Nulldefizits", erklärte der Wirtschaftsforscher gegenüber dem STANDARD. Der Wachstumseinbruch sei "primär ein Problem der Binnennachfrage", und nicht der Abhängigkeit vom Export, sagte Marterbauer. Das zeige sich daran, dass die Exporte mit 7,4 Prozent weit über dem BIP wuchsen.

Der private Konsum sei mit einem realen Wachstum von 1,5 Prozent merklich unter dem langfristigen Durchschnitt von 2,25 Prozent gelegen, während die Investitionen aufgrund der hohen Steuerbelastung um vier Prozent zurückgegangen seien. Vor allem bei Maschinen und Fahrzeugen "zeigte sich die Verunsicherung der Erwartungen", sagte Marterbauer.

Bau wie 1984

Die Bauwirtschaft verzeichnete 2001 ihren schwersten Einbruch seit 1984, vor allem aufgrund des Rückgangs von 7,7 Prozent im Wohnbau. Als teilweiser Ausgleich erwiesen sich 2001 neben dem Exportwachstum das Gastgewerbe mit einem realen Zuwachs von 5,9 Prozent.

Der Trend von 2001 - Wachstumsdämpfer durch Budgetrestriktionen - würde sich auch 2002 fortsetzen, sagte Marterbauer. Treffen die Prognosen zu, dann wäre 2002 das zweite Jahr in Folge mit einem Wachstum unter einem Prozent. Zuletzt hatte das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) für 2002 ein reales Wachstum von 0,9 Prozent vorausgesagt, das IHS sogar nur von 0,8 Prozent; für 2003 liegen die Voraussagen bei 2,2 bzw. 2,5 Prozent.

Wifo-Chef widerspricht

Die Konjunkturschwäche 2001 sei "nicht überwiegend hausgemacht", hielt Wifo-Chef Helmut Kramer am Samstag in einer Aussendung fest. Er widersprach damit Aussagen des Wifo-Konjunkturexperten Markus Marterbauer, der gestern, Freitag, das reale BIP-Wachstum von nur 0,7 Prozent im Vorjahr dem restriktiven Budgetsparkurs zugeschrieben hatte. Dazu Kramer: "Aus dem Umstand, dass die Inlandsnachfrage im vergangenen Jahr schwächer zunahm als die Auslandsnachfrage, kann nicht ohne weiteres geschlossen werden, dass die restriktive Budgetpolitik die überwiegende oder gar ausschließliche Ursache der ungünstigen Konjunktur gewesen wäre."

Im vergangenen Jahr habe sich die Konjunktur in allen Industrieländern markant abgeschwächt. In einer so offenen Wirtschaft wie der österreichischen könne die nationale Budgetpolitik die Inlandsnachfrage nur begrenzt beeinflussen, hielt Kramer fest. Die schlechten internationalen Aussichten hätten im Vorjahr zur Zurücknahme von Investitionsplänen und zum Lagerabbau geführt. Die Verschlechterung der Stimmungslage habe darüber hinaus Kaufentscheidungen von Konsumenten gebremst.

Außerdem würden wichtige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene entschieden. "Zweifellos hatte auch die heimische Budgetpolitik restriktive Effekte", räumt aber auch Kramer ein. Daraus könne aber nicht abgeleitet werden, dass dieser "hausgemachte Faktor" die wichtigste oder gar einzige Ursache der schwachen Inlandsnachfrage gewesen sei.(spu, APA)

  • Artikelbild
Share if you care.