Soziale Äpfel neben ängstlichen Birnen

3. Oktober 2002, 21:02
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In Mariahilf fürchtet man sich vor einer Beratungsstelle für Haftentlassene

Wien - Junktimieren ist eine schöne Sache. Schließlich sehen Äpfel und Birnen in einem Körbchen auch fein aus.

Dort, wo Politik und Alltag aufeinander treffen, führt das bewusste Vermischen von allerlei Obst zu netten Abenddiskussionen. Etwa in Mariahilf. Dort plant der Verein "Neustart" - ehedem "Bewährungshilfe" - auf der Gumpendorfer Straße in einem ehemaligen Postamt eine Betreuungsstätte für Haftentlassene einzurichten (DER STANDARD berichtete).

"Ganslwirt" uns Co

Prompt fürchten sich hunderte Anrainer - und fordern: "Weg damit." Das Drogenkranken-Betreuungszentrum "Ganslwirt", die Aids-Hilfe, die Rosa-Lila-Villa und das Jugendzentrum "Echo" zögen genug "Problemfälle" an.

Haftentlassene, so ein Bürger am Mittwoch, würden zu einer "Kumulierung der Problemfälle" führen. Eine Gumpendorfer Geschäftsfrau brachte vor, sie sei schon einmal überfallen worden.

Dass Neustart, Ganslwirt & Co. wenig miteinander zu tun hätten und die Sicherheit sicher nicht beeinträchtigten, verhallte fast ungehört. Auch die Erklärungen eines Polizisten aus dem neunten Bezirk, dass "bei uns eine ähnliche Einrichtung seit 20 Jahren existiert - und es nie Probleme gibt," drang nur an wenige Ohren. "Andere Bezirke sind stolz auf Bauten oder Parks", versuchte es ein wohlgesonnener Anrainer, "unserer heißt Mariahilf - seien wir stolz, diesem Namen gerecht zu werden." Aber die Angst. Die Drogen. Die Kinder. Die Spritzen. Die "Problemfälle".

Der Bezirksvorsteherin blieb es, ein Bekenntnis abzulegen: "Manchmal", so Renate Kaufmann (SP), "ist es gut, wenn es keine Bürgerbeteiligung gibt - sonst gäbe es in dieser Stadt keine einzige Sozialeinrichtung." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 4.10.2002)

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