"Meine Partner: Liebenswerte Menschen"

3. Oktober 2002, 20:00
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Leidenschaftlicher "Tänzer" und "Beobachter von Beobachtern": Heinz von Foerster

Wien - Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie (1985), Kybern-Ethik (1993), Wissen und Gewissen. Versuche einer Brücke (1993): Gerade in den letzten Jahrzehnten haben Heinz von Foersters "Beobachtungen von Beobachtern" auch im deutschen Sprachraum Furore gemacht. 2001 wurde am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien das Heinz-von-Foerster-Archiv - im Beisein des Denkers - eröffnet. Darin enthalten sind die gesammelten Schriften der Wissenschafters, 3500 Dokumente von Forschungsarbeiten bis Tanznotationen. Entsprechend intensiv gestalteten sich die Kontakte mit heimischen Wissenschaftern - auch in höchst anregenden Gesprächen:

"Wahrscheinlich ist es immer so, dass ich mit den anderen ein Liebesverhältnis eingehe und mich daher darum bemühe, mit den anderen zu tanzen", meinte er einmal: "Und weil ich mit einem Fremden, mit einem Menschen, den ich nicht mag, wahrscheinlich auch nicht tanzen würde, sehe ich meine Partner immer sofort als liebenswerte und tanzfreudige Menschen an."

Bis zuletzt setzte von Foerster auf interdisziplinäre Zugänge: "Wenn man mir jetzt 500.000 Dollar böte und sagte: ,Heinz, du kannst sechs Leute deiner Wahl einladen, du erhältst ein Laboratorium nach deinen Wünschen' - was würde ich tun? Ich würde vor allem etwas unternehmen, das mir als fruchtvoll erscheint, und das ist, die Rekursivität ernst zu nehmen. Leider oder vielleicht ironischerweise sind die ganzen Rekursionsthemen hinabgerutscht in das, was heute ,Chaostheorie', ,Fraktale' heißt, in all die wunderschönen Zaubervorstellungen, die man grafisch und numerisch und verbal mit so unglaublichen Schlagwörtern und Phrasen an die New York Times verkaufen kann.

Mein Gefühl ist, dass man diese Rekursionsthematik in ganz andere Gebiete, etwa in die sprachlichen Bereiche, in semantische Bereiche, in Handlungsbereiche etc. übernehmen und untersuchen könnte, unter welchen Umständen sich sichtbare Stabilitäten entwickeln - die Nichtstabilitäten bleiben ja unsicht- bar, sie verschwinden. Meine zentrale Frage könnte lauten: Worin bestehen die sichtbaren Formen, in die dynamische Systeme ,hineinrutschen' und ,driften' können? Dazu würde ich Linguisten, Biologen, natürlich Mathematiker etc. um mich gruppieren. Mein Gefühl sagt mir, man könnte unendlich mehr an wichtigen Einsichten gerade auch für unsere gesellschaftlichen Probleme zutage fördern." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2002)

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