Corporate Governance-Kodex: Unverbindlichkeit als Schwachstelle

3. Oktober 2002, 19:32
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Finanz-Branche dennoch stolz auf Zustandekommen

Wien - "Der Zeitpunkt ist ideal, jetzt wo alle die Hände ringen, haben wir ein exzellentes Produkt", kommentiert Wolfgang Matejka, Wien-Chef des Bankhauses Vontobel den druckfrischen Corporate Governance-Kodex. Einhellig ist die heimische Finanzgemeinde recht stolz auf das Zustandekommen dieser Anstandsregeln für Konzerne. Dennoch sind sie sich der Schwachstellen - vor allem der weitgehenden Unverbindlichkeit des Kodex - bewusst, der ja kein Gesetz sondern ein freiwilliges Instrument ist.

Beim Abschluss des Symposiums zum Thema in Wien waren sich die Parteien des Finanzmarktes - Böhler-Chef Claus Raidl für die betroffenen Unternehmen, Wolfgang Matejka für die Investoren, Wilhelm Rasinger für die Kleinanleger und Aslan Milla (PriceWaterhouseCoopers) einig, dass "man den Kodex jetzt einmal leben lassen" müsse, ohne sofort die Tauglichkeit zu bewerten.

Diese, so der Konsens, werde vom Markt ausgehen: Aktionäre werden auf Hauptversammlungen Druck machen, Großinvestoren sowieso und Medien gleichfalls, ist Raidl überzeugt. "In Österreich sind die Marktkräfte aber schwach, Fondsmanager sind von ihren Banken abhängig und haben kaum jemals kritische Fragen bei Hauptversammlungen gestellt", hält Rupert-Heinrich Staller, Privatinvestor und Kodex-Mitinitiator entgegen.

Wirtschaftsprüfer Milla argumentiert psychologisch: Gebote und Einladungen würden mehr bewirken als Verbote. Man müsse einer solchen Matrix, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen durch mehr Transparenz erreichen will, Zeit geben. Das steigende Wissen der Aktionäre um ihre Rechte werde mit wachsen. Dies zeige auch die steigende Frequenz der Anfragen der Privatanleger bei den Investor Relations-Stellen.

Schon im Geschäftsbericht 2002 würde ein gutes Dutzend der Prime Market-Unternehmen in Wien Corporate Governance-Grundsätze als solche ausweisen, sind die Diskussionsteilnehmer überzeugt. Für Rasinger zeigt sich die tatsächliche Qualität auch erst dann. Denn im neuen Kodex müssen strittige Punkte, etwa einzelne Offenlegungen der Vorstandsgagen - so sie nicht erfolgen - nur erklärt werden. Rasinger: "Wie werden diese Erklärungen aussehen? Werden Anleger nur abgespeist oder sind das brauchbare Informationen?" (DER STANDARD Print-Ausgabe, 4.10.2002)

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