"Politik soll sich von Haarschnitten lösen"

4. Oktober 2002, 17:28
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Franz Vranitzky wird 65 Jahre alt - Der Altkanzler im STANDARD-Interview über Koalitionen, Frisuren und SP-Spitzenkandidat Gusenbauer

STANDARD: Geht Ihnen die Politik bereits ab?
Vranitzky: Ich bin gedanklich und vom Erlebnis her mittendrin, im Unterschied zu früher jetzt eben passiv.

STANDARD: Haben Sie keine Lust, sich mehr einzumischen?
Vranitzky: Nein. Ich habe während meiner Amtszeit die Kollegen aus früheren Epochen immer geschätzt, die mir Meinungen und Anregungen gegeben haben, ohne dabei den Boden der Öffentlichkeit zu betreten.

STANDARD: Halten Sie selbst das auch so?
Vranitzky: Im Großen und Ganzen: ja.

STANDARD: Aber Sie stehen dem Alfred Gusenbauer beratend zur Seite.
Vranitzky: Ich stehe ihm sehr solidarisch zur Seite. Ich habe die alte Disziplin in meinen Adern, dass man einem, den die Partei mit großer Mehrheit zu ihrem Vorsitzenden gewählt hat, die Unterstützung beibringen muss, dass man loyal und solidarisch sein muss - und das bin ich auch. Ich rede ungefähr einmal in der Woche mit ihm. Ich sage meine Meinung, mache gewisse Vorschläge. Aber ob und wie er sie annimmt, ist wirklich seine Sache.

STANDARD: In der SPÖ gab es eine lange Diskussion, ob Alfred Gusenbauer der richtige Spitzenkandidat ist.
Vranitzky: Die Frage, ob er der geeignete Parteivorsitzende ist, hat der Parteitag vor zwei Jahren entschieden. Nach alter Tradition ist der Vorsitzende auch der Spitzenkandidat. Die nächste Frage ist die nach dem Wahlkampf. Es sieht so aus, als würden so unpolitische Vorbehalte wie Erscheinungsbild oder Haarschnitt Bestimmungskomponenten sein. Da kann ich nur sagen: Wenn die Politik einen Grundsockel an Ernsthaftigkeit bewahren möchte, dann sollte sie sich von Haarschnitten lösen.

STANDARD: Aber gerade im Wahlkampf ist es schwierig, Inhalte zu vermitteln. Da geht es oft um die Wirkung einer Persönlichkeit.
Vranitzky: Er hat noch knapp acht Wochen Zeit, um das Persönliche und das Wirken gegenüber der Bevölkerung ins Spiel zu bringen. Ich rate ihm immer wieder, genau diesen Weg zu gehen und diese Mittel auszuschöpfen.

STANDARD: Sie haben sich einer rot-grünen Koalition gegenüber immer skeptisch geäußert. Sehen Sie das jetzt anders?
Vranitzky: Die Regierungsmodelle an sich sind nicht das Hauptthema, sondern die handelnden Personen. Wenn ich zurückblicke ins Jahr 1986, war nicht die kleine Koalition das Problem. Das Problem war, dass Jörg Haider Norbert Steger ausgebootet hat. Ich hätte keine Veranlassung gehabt, diese Koalition zu beenden, wenn die Steger-FPÖ die Steger-FPÖ geblieben wäre - mit einem im Grundsatz liberalen, offenen und internationalen Ansatz. Aber Haider hat deutlich signalisiert, dass er das missbilligt, dass er mehr für einen neu-deutsch-nationalen Ansatz ist. Ich bin gar nicht so ein dogmatischer Verfechter einer großen Koalition, weil ich gleichzeitig der Auffassung bin, dass die beiden großen Bewegungen - sozialdemokratisch und christdemokratisch - strukturell und in Wirklichkeit permanent politische Antipoden sind. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte mit der Steger-FPÖ weiterregieren können. Mich hat der "Notfall" Haider zu einer Koalition mit der ÖVP gebracht.

STANDARD: Wie sehen Sie das aus der jetzigen Perspektive?
Vranitzky: Wir haben unglaublich große Aufgaben zu erledigen, und dazu braucht man natürlich eine große Mehrheit. In den zu erledigenden Angelegenheiten sind viele Zwei-Drittel-Materien drinnen. STANDARD: Das würde dafür sprechen, es mit der ÖVP zu probieren.
Vranitzky: Genau. Dem steht aber entgegen, dass sich ÖVP und SPÖ nicht nur auseinander gelebt haben, sondern dass das Duo Schüssel/Khol auch sehr starke Aversionen gegenüber uns Sozialdemokraten artikuliert hat. Und die Sozialdemokraten ihrerseits wieder sagen: "Wenn uns die da ununterbrochen auf den Schädel steigen, ist das keine gute Voraussetzung für eine neue Zusammenarbeit." Das würde zu einer rot-grünen Koalition hinführen, insbesondere dann, wenn es sich wahlarithmetisch ausgeht. Daher gebe ich Gusenbauer Recht, wenn er sagt, er hält sich beide Optionen offen.

STANDARD: Ist Ihre Festlegung, nicht als Kandidat für die Bundespräsidentschaftswahlen anzutreten, tatsächlich endgültig?
Vranitzky: Die Antwort ist: ja.

STANDARD: Viele meinen aber, Sie wären ein äußerst chancenreicher Kandidat.
Vranitzky: Ich bin jetzt 65 Jahre alt, habe mich vor knapp sechs Jahren zurückgezogen. Ich halte nichts davon, wenn einer, der so lange im Geschäft war und nach 40 Jahren gesagt hat, es ist genug, noch einmal zurückkommt.

STANDARD: Und wenn Sie die SPÖ ganz heftig bedrängt?
Vranitzky: (lacht und zögert) Lassen wir es beim Nein. Aber ohne Notar.

(DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

Franz Vranitzky steht seiner Partei und Alfred Gusenbauer im laufenden Wahlkampf beratend zur Seite - Der ehemalige Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzende im STANDARD-Interview über Koalitionen und Haarschnitte
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    Einmal pro Woche steht Franz Vranitzky seinem Nachfolger als SPÖ-Chef, Alfred Gusenbauer, beratend zur Seite.

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