Abgebrochene Reise zum Oktoberfest

3. Oktober 2002, 20:22
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Die 43. Unglaubwürdige Reise sinniert unter anderem über das Wetter in Bierzelt-Zeiten

Bayern hat fast noch weniger mit dem Oktober zu tun als die schon im Juli eifrig auf Allerheiligen zusteuernde Wiener Straßenbahnlinie 71 mit dem Orientexpress. Der klirrende, gläserne Oktober hält sich aus dem übrigen Herbst, den grauen, raschen Wolkenfetzen und den beginnenden Sprühregen, auf denen der sanftmütige, aber sture November besteht, noch heraus. Während die Bayern in Bierzelten sich aus allem sehr ungern heraushalten.

Auch aus dem Erntedank, der nicht immer angebracht ist und den er leicht überspringt, hält sich der Oktober heraus. Er verteilt seine Nässe über Dienstbotenheime, Nonnenklöster und das Geburtshaus Hofmannsthals in der Salesianergasse. Von dessen Versen - "wenn's endlich Juli wäre anstatt März" - nimmt er keine Notiz. Auch nicht von Annette Droste-Hülshoff: "Wär' ich ein Knab' doch wenigstens nur,/ so würde der Himmel mir raten". Der Himmel rät aber selten richtig, und nicht einmal den Knaben, die im Sacre-Coeur am Rennweg den armen, weiß gekleideten und verschleierten Erstkommunionmädchen zum Altar vorangehen, denn Knaben dürfen auch am Altar die Ersten sein.

Und das schon im Mai, dem nervösen Marienmonat mit den endlos abgehaspelten Rosenkränzen, dem freudenreichen, dem schmerzhaften und endlich - ehe man kurz davor ist, seinen Hals in den unerbittlichen Rosenkranz zu verwickeln und verloren zu geben - dem glorreichen Rosenkranz.

Beim Gedanken an diesen fiel mir oft Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis ein und gleich wieder aus dem Kopf, da Gloria sich vor allem auf "Doria" und Dornen reimte, eine Konsequenz, die sie aber nie ziehen würde. Aber die niederbayrischen, oberbayrischen und wienerischen Konsequenzen sind im Grunde so gut oder nicht gut vorhersehbar wie die Menükarten des Leichenschmauses: fast immer zu lang und zu reichhaltig, aber der Freude darüber angemessen, dass ein Teilnehmer endgültig das Feld geräumt hat.

"Meerstern, ich dich grüße" passt da schlecht. Auch nicht "Eil' immer zu Gott, dem Vater der Armen". Der arme Josef, dessen Existenz verbürgter ist als diejenige der heiligen Philomena, die es nie gab, hat es ohnehin nicht leicht mit dem Namenstag im März, die spezifische März-Nässe beschert spezifische Allergien, Reizbarkeiten, Pneumonien und Verwirrungen, die unübersehbar sind. Es ist dann zuletzt auch nicht "endlich Juli", und es ist, selbst wenn "wir" den Oktober schreiben, nicht Oktober, es ist nicht der bayrische Himmel, sondern es ist jetzt der über Floridsdorf. "Die Tröstungen sind versteckt", notierte Günter Eich, und vermutlich gut genug versteckt, um sie an den Fingern einer Hand leicht zu zählen. Für den, der zu zählen überhaupt Lust hat.

Wie der "Leichenschmaus" ins Flämische oder Wallonische zu übersetzen wäre, ginge über jede Etymologie hinaus, auch über jede landschaftliche Nuance: Der Jubel darüber, dass ein Mitschmauser den Kopf zur Seite geworfen hat, ist in dem Wiener Wort unüberhörbar. Wie in einem Münchner Bierzelt. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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