Viel Qualm um nichts

3. Oktober 2002, 20:42
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Vergebene Chance: Bauersimas "Context" im Ensemble Theater am Petersplatz

Wien - Das Debattierstück Context des in der Schweiz lebenden Autors Igor Bauersima ist ein gut gebauter, schlank erzählter Witz, und der geht so: Treffen sich nach zehn Jahren ein "Kreativer" aus der Werbebranche, eine Journalistin und ein Dichter mit Christus-Allüre zur Wiedersehensfeier im Grünen. Die drei werfen einander Versagen vor.

Sie plappern ohne Unterlass vom Idealismus; von Verantwortung, Spießertum und Moral. Sie tun das wie Meinungsträger in einem Jugendfeuilleton. Dabei stoßen sie atemlos ihre Satzellipsen hervor wie kleine, scharf qualmende Notsignale. In einer Rückblende sagt Ersatz-Jesus Nils (Johannes Zeiler), der im Ensemble Theater wie ein im Männerwohnheim abgestiegener Kurt Cobain aussieht: "Leute, wir wurden ausgedacht!"

Und ehe die Szene dann buchstäblich in Flammen aufgeht, ist das ganze müde Geschwätz, dieses inquisitorische Schmerzaufspüren und Wundenlecken, vom Tisch. Der Kopf-Lohnarbeiter muss sich hastig den Überbau zusammenflicken, damit er sein fremdbestimmtes Leben, das er in Konsumnischen zubringt, vor sich selber erträgt.

Der Rest sind natürlich Lügen: Schall und Wahn und leerer Bedeutungsrauch. Genüsslich hält Bauersima das Feuerzeug an einen mit Benzin übergossenen Luxusschlitten. Nachbarin, euer Löschtuch! Ein raffinierter Traum, in dem Bauersima alle Ideologie-Grillen der Post-68er mit einem gut gelaunten Streich erschlägt.
Hans-Peter Kellners Erstaufführungsinszenierung erzählt den erhellenden Witz nun, als müsste er eine Runde von linksliberalen Feuilleton-Tanten beim Fünf-Uhr-Tee mit einem Knallfrosch erheitern. Er verkennt die Täuschungsabsicht, die hinter jedem Wort, jedem Halbsatz wie ein Raubtier lauert; er verhält Schauspieler zum Untertreiben: den am Fett der Behäbigkeit souverän würgenden Harald Posch, die auf ein paar Mädchengesten festgefrorene Janine Wegener. Die Herrschaften lungern auf einem Autodrom-Auto mit Gummipuffer herum, Symbol der sozialen Grundsicherung (Bühne: Thomas Oláh). Ein großes Stück, ganz klein gedacht. (Herbert Neubauer/DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: ensembletheater/herbert neubauer
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