EU-Drogenbilanz: Jeder Fünfte kifft

4. Oktober 2002, 15:58
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Cannabis bleibt EU-weit die beliebteste illegale Droge - Bei harten Drogen rangiert Österreich im Ländervergleich am positiven Ende

Brüssel - Die EU-Erweiterungsländer sind nicht mehr nur hauptsächlich Durchgangsstation für illegale Drogen, sondern sie werden selbst zunehmend zum Schauplatz von Drogenmissbrauch. Dies ist eines der Ergebnisse des neuen Drogenberichtes der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EBDD), der am Donnerstag in Brüssel präsentiert wurde. Zugleich, erläuterte EBDD-Direktor George Estievenart, änderten sich auch die Drogenkonsummuster in den Beitrittsländern.

Lokal produzierte Drogen (Opiate) werden durch importiertes Heroin abgelöst, der Drogenkonsum weitet sich von den urbanen Zentren in ländliche Regionen aus. Zudem fordert der besonders problematische injizierende Drogenmissbrauch seinen Tribut: War die Rate von HIV-Infizierten in den 90er-Jahren noch deutlich niedriger gewesen als in den EU-Ländern, so schließen jetzt manche Kandidatenländer auf ein unrühmliches höheres Niveau auf. Das gilt etwa für Polen, vor allem aber für die baltischen Länder, wo die HIV-Rate besorgniserregend angestiegen ist.

Vom Drogenkonsum besonders betroffen in den baltischen Staaten sind die großen russischen Minderheiten, die ihren früheren privilegierten Status verloren haben und marginalisiert wurden. Ein weiterer Trend: synthetische Drogen wie Ecstasy werden in den Beitrittsländern nicht nur häufiger konsumiert als zuvor, sondern sie sind auch zunehmend Standort von illegalen Produktionsstätten.

Die EBDD, die seit mehreren Jahren Drogenmissbrauchsdaten aus allen EU-Ländern zusammenführt, vergleicht und interpretiert, hat heuer erstmals einen gesonderten Bericht zu den Beitrittsländern erstellt. Im Licht der neuen Erkenntnisse fordert Estievenart die Anstrengungen zur Bekämpfung des Drogenproblems gemeinschaftlich zu verstärken. In der EU selbst hat die EBDD keine dramatischen Änderungen in den Missbrauchsmustern konstatieren können, einer der Forscher sprach von "Stabilisierung auf hohem Niveau".

"Lebenszeiterfahrung"

Cannabis ist und bleibt weiterhin die am meisten konsumierte illegale Droge in Europa. In den meisten europäischen Ländern verfügen etwa 20 Prozent der Einwohner über eine so genannte Lebenszeiterfahrung mit der Droge, in Dänemark und Großbritannien sind es sogar 25 bis 30 Prozent aller Erwachsenen, die irgendwann in ihrem Leben Cannabis konsumiert haben.

Österreich darf sich rühmen, beim so genannten problematischen Drogenkonsum (injizierender, regelmäßiger und/oder Langzeitkonsum von Opiaten, Kokain oder Amphetaminen) zu den Schlusslichtern der EU zu gehören. Anders als in Italien, Luxemburg, Portugal oder Großbritannien, wo sechs bis acht von je 1000 Einwohnern zwischen 15 und 64 Jahren diesem gefährlichen Verhalten frönen, sind es in Österreich nur 3,2 von 1000.

Schwerpunktmäßig haben die EBDD-Forscher auch das Thema "Drogen im Strafvollzug" untersucht. Die meisten Studien belegen dabei, dass der Anteil der Inhaftierten in der EU, die irgendwann eine illegale Droge konsumiert haben, in den meisten Fällen über 50 Prozent liegt, Tendenz steigend. Drogen und Drogenkonsum haben die Realität des Strafvollzugs "grundlegend verändert". (Christoph Winder aus Brüssel, DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

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