Fundraising für die Gucci-Rechnung

10. Oktober 2002, 22:20
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Berühmt als Bettlerin : Die Amerikanerin Karyn Bosnak hat als "Cyber-Schnorrerin" Erfolg

Karyn Bosnak trägt gerne Gucci. Das ist nicht billig und mit ein Grund dafür, dass die 29-jährige New Yorkerin bei ihrer Kreditkartenfirma mit mehr als 20.000 Dollar in der Kreide stand. Als die TV-Produzentin im Gefolge von 9/11 und dem Dotcom-Crash im Spätherbst vergangenen Jahres ihren Job verlor, spitzte sich die Lage zu. Was also tun?

Die marketingerprobte Karyn hatte eine Idee. Wenn sich genügend Leute finden würden, die ihr einen oder zwei Dollar geben würden, wäre das leidige Problem erledigt, dachte sich die findige Arbeitslose. Also richtete sie sich eine Web-Seite ein, auf der sie unverblümt zur Sache kam.

”I was just at Bloomingdales”

„Zusammen können wir die Schulden aus meinem Leben verbannen“, ließ Bosnak die Besucher ihrer Seite wissen. Dabei machte sie aus ihrer Leidenschaft für teuere Kleidungsstücke kein Hehl. „I wasn't out saving the world. I was just at Bloomingdales”, schrieb sie in entwaffnender Ehrlichkeit und siehe da, es funktionierte. Bald wurde das Boulevardblatt „USA Today“ auf die digitale Bettelei aufmerksam, auch die „New York Times“ berichtete. Seit Juni flossen jedenfalls mehr als 16.000 Dollar auf Karyns Konto. Viele der edlen Spender waren von der Naivität überrascht, andere fanden die Seite schlicht unterhaltsam.

"Cyber-begging"

SaveKaryn.com war nicht erste Versuch über das Internet Geld zu schnorren. Das Phänomen ist in den USA seit langem gängige Praxis, sogar ein Begriff hat sich gefunden: „Cyber-begging“. So verweisen etwa einschlägige Web-Kataloge auf rund 70 „Cyber-begging“-Initiativen. Seiten wie Buy me a BMW sind dabei eher die Ausnahme, oft wird für Operationen oder soziale Projekte gesammelt. An den Erfolg von Bosnaks Selbsthilfe-Initiative, die damit offensichtlich einen Nerv getroffen hat, kommen jedoch die wenigsten heran. So konnte eine 24-jährige lymphdrüsenkranke Kanadierin, die über die Seite HelpJennifer.com Geld für einen chirurgischen Eingriff sammelte, lediglich 4.000 Dollar lukrieren.

Unterdessen machen auch die ersten Web-Seiten gegen die Luxus-Bettlerin mobil. So postet etwa der 32-jährige Nicolas Lambros unter Don´t save Karyn unverhohlen seine Verachtung für die Gucci-Trägerin. Karyn Bosnak kann dies jedoch egal sein. Sie hat nicht nur ihre Schulden dank der Hilfe aus dem Netz fast abgetragen, auch ein gutdotierter Buchvertrag ist unter Dach und Fach. Darüber hinaus verkauft sie mittlerweile auch Karyn-Memorabilia über das Internet. Über die Verfilmung ihres Lebens steht sie gerade in Verhandlungen. Voraussichtlicher Titel: „Berühmt als Bettlerin“. (dax)

P.S.: Ich würde auch gerne Gucci tragen. Mir schweben aber eher Schuhe vor, so genannte Gucci-Loafers. Und weil die Medienbranche bekanntlich in der Krise ist...kurzum - Sie können helfen! Ein formloses Kurvert mit einem Geldschein an
derStandard.at
Zu Handen „Ökokomie Obskur“
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genügt.

Nachlese

--> Smoking/No Smoking
--> Hoch hinaus, tief hinunter
--> Glückliche Arbeitslose

In der Kolumne "Ökonomie obskur" begeben wir uns einmal wöchentlich, jeden Freitag, auf einen Streifzug durch die Randbereiche des wirtschaftlichen Treibens.

Anregungen und Kritik bitte an online.investor@ derstandard.at.

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