Schielender Kompass

3. Oktober 2002, 12:39
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Rotkehlchen orientieren sich mit Hilfe des rechten Auges am Magnetfeld der Erde

Frankfurt/Main - Rotkehlchen orientieren sich beim Vogelzug mit Hilfe des rechten Auges am Magnetfeld der Erde. Das haben Frankfurter und Bochumer Wissenschafter herausgefunden. Deckt man das rechte Auge ab, sind die Tiere unter den Versuchsbedingungen völlig orientierungslos. Die Studien des Zoologen Prof. Wolfgang Wiltschko von der Universität Frankfurt/Main und seinen Kollegen von der Universität Bochum sind im Fachmagazin "Nature" vom Donnerstag veröffentlicht.

Zur Wahrnehmungsweise des Magnetfeldes gibt es verschiedene, sich möglicherweise ergänzende Theorien. So hatten Forscher bereits eisenhaltige Magnetitkörnchen im oberen Teil des Schnabels von Brieftauben entdeckt. Darüber hinaus wird angenommen, dass Vögel das Magnetfeld wahrnehmen, indem bestimmte Moleküle je nach Ausrichtung im Erdmagnetfeld ihren Energiezustand ändern, wodurch eine Art chemischer Kompass entstehen soll.

Augen verklebt - mit Folgen

Bisher sei unklar gewesen, wo dieser chemische Kompass im Körper des Vogels angesiedelt sei, sagte Wiltschko. Neue Studien sollten zunächst nur klären, ob die Magnetfeldwahrnehmung im Auge stattfindet. Doch bei ihren Versuchen stießen die Forscher auf einen viel erstaunlicheren Fakt: Klebten sie den Vögeln das linke Auge zu, flogen sie ebenso korrekt wie mit unverklebten Augen. War hingegen das rechte Auge abgedeckt, brach die Orientierung der Tiere komplett zusammen.

"Das bewies zum einen, dass die Magnetfeldwahrnehmung tatsächlich im Auge stattfindet", sagte Wiltschko. "Genau genommen zeigt es aber, dass die Magnetkompass-Orientierung allein im rechten Auge stattfindet." Die extrem starke Aufgabenverteilung zwischen den Augen spiegele sich in einer ebenso starken Aufgabenverteilung in den Gehirnhälften wieder, erklärte der Zoologe. Der Vogel habe damit in der anderen Hirnhälfte mehr Kapazität für andere Aufgaben frei.

Magnetitkörnchen und chemischer Kompass könnten sich jedoch bei der Orientierung auch ergänzen, erläuterte Wiltschko. So könnte der chemische Kompass für die Magnetfeldrichtung und die Magnetitkörnchen im Schnabel für die Magnetfeldstärke zuständig sein. (APA/dpa)

"Nature", (Bd. 419, S. 467)
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