Bonzen, Bambis und Bares

20. Mai 2005, 10:20
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Brijuni-Insel: Einst residierten Titos Genossen auf den Inseln, heute sind sie als Nationalpark zugänglich. Vom Massentourismus blieben sie dennoch verschont

Zwischen den Steineichen weiden Rehe und Damhirsche, Hasen hoppeln über die offene Wiese, Möwen führen ihren Nachwuchs spazieren, und ein Pfau schlägt sein Rad vor der untergehenden Sonne. Eine frühabendliche Radtour auf Veli Brijuni, der Hauptinsel des kleinen Archipels in Sichtweite der Stadt Pula an der Südspitze Istriens, gleicht einer Safari durch unberührte Natur. Hat sich so der liebe Gott das Paradies vorgestellt?

Kette grüner Edelsteine

Jedenfalls, so sagt es die Legende, habe er für den Garten Eden die istrische Halbinsel reserviert. Der Teufel machte ihm einen Strich durch die Rechnung und sabotierte das Vorhaben. Istrien wurde zum Land der Kontraste, fruchtbar und karg, still und stürmisch, gezähmt und leidenschaftlich. Doch die Engel retteten einen Teil des Paradieses und trennten es vom Festland. So entstanden die Brijuni-Inseln als Kette grüner Edelsteine im blauen Meer, dreieinhalb Kilometer von der Küste entfernt.

Wie alle Legenden hat auch diese einen wahren Kern. Die Brijuni-Inseln sind dem Rummel, der vor allem zur Hochsaison an der istrischen Westküste herrscht, entrückt, und die friedlich weidenden Tiere in der Abenddämmerung lassen Kindheitsbilder vom Garten Eden auferstehen.

Altösterreichische Vergangenheit

Doch bei der Entstehung dieses Paradieses haben einige sehr erdverbundene Engel mitgewirkt, allen voran der altösterreichische Stahlindustrielle Paul Kuppelwieser. Er wollte, statt sich aufs Altenteil zurückzuziehen, irgendwo im Süden des Habsburgerreiches etwas Bleibendes hinterlassen - und stieß auf die verwahrlosten, malariaverseuchten, fast menschenleeren Brijuni- (damals Brioni-)Inseln. Kuppelwieser erkannte rasch deren Potenzial: Ein neues Capri schwebte ihm vor, ein Resort für die damals kaufkräftigsten Touristen: den Hoch- und Geldadel. Für 75.000 Gulden kaufte er 1893 die 16 Inseln. Kuppelwieser investierte ein Vielfaches davon und verwandelte vor allem die Hauptinsel Veli Brijun in einen nach britischen Vorbildern gestalteten Park, ließ Reste einer römisch-kaiserlichen Villa freilegen, baute Hotelanlagen, richtete einen Zoo ein und vertrieb mit Hilfe des berühmten Bakteriologen Robert Koch die Malaria für immer von den Inseln. 20 Jahre später war Kuppelwieser am Ziel: Brijuni war zu einem der begehrtesten Reiseziele der Highsociety geworden.

Der erste Weltkrieg bereitete dieser Epoche, kaum hatte sie begonnen, ein Ende. Istrien wurde nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches zu Italien geschlagen. Brijuni blieb ein touristischer Brennpunkt, auch wenn es nicht mehr den höfischen Glanz der Vorkriegsjahre erreichte. Mitte der 20er-Jahre wurde der damals größte Golfplatz Europas gebaut, der landschaftlich bis heute zu den schönsten überhaupt gezählt werden darf.

Als Konsequenz des Zweiten Weltkrieges wechselte Istrien erneut die Landesfarben und wurde jugoslawisch. Tito machte Brijuni zu seiner Lieblings-Residenz und zur Bühne für zahlreiche Staatsempfänge und Konferenzen der blockfreien Staaten. Die im Krieg durch Bombardement schwer beschädigten Hotels waren schon Anfang der 50er wieder aufgebaut und durch einige Gästevillen ergänzt worden. Brijuni blieb, was es seit Kuppelwieser gewesen war: ein exklusives Resort. Nur waren jetzt nicht mehr die Dicke des Portemonnaies oder der Stammbaum ausschlaggebend, sondern der Status in der sozialistischen Nomenklatura.

1983 fürs Publikum geöffnet

Tito ergänzte den Zoo durch allerlei exotische Tiere, die ihm Staatsgäste als Geschenk überbracht hatten. Die kleine Insel Vanga behielt er ganz für sich: In der "weißen Villa" auf dem Eiland verbrachte Tito jährlich bis zu sechs Monate. Drei Jahre nach seinem Tod wurden die Brijuni-Inseln 1983 zum Nationalpark gemacht und fürs Publikum geöffnet. Dabei blieb es auch 1991 nach der Unabhängigkeit Kroatiens.

Vom Massentourismus dennoch verschont

Tagesausflügler werden nur gruppenweise unter Begleitung von Führern zugelassen. Neben Pauschaltouristen sind auch viele Schulklassen zu Gast. Brijuni ist ein beliebtestes Ziel für Klassenausflüge. Der Rummel hält sich dennoch in engen Grenzen. Selbst zur Hochsaison im Juli und August werden täglich nicht mehr als 1000 Personen zugelassen.

Die Insel-Führung dauert zweieinhalb Stunden. Zu sehen gibt es aus dem Fenster eines kleinen Zuges die Natur, den Safaripark, wo Zebras, Lamas und Mufflons weiden, einen 1600 Jahre alten Olivenbaum und das Museum. Es ist ein Relikt aus der Tito-Zeit. Neben zahlreichen ausgestopften Tieren im Erdgeschoss beherrscht Tito die andern beiden Stockwerke: als Gastgeber von Breschnew, Kreisky, Indira Gandhi und Co., als fürsorglicher Familienvater, feuriger Redner und Tierfreund. Nur auf einen einzigen Raum beschränkt sich die Darstellung der Geschichte der Urbarmachung Brijunis durch Paul Kuppelwieser.

Um die Insel frei bewegen können sich - neben den Hunderten von Geweihträgern und Hasen - auf Veli Brijuni nur die Gäste in den drei Hotels und den Villen. Für deren Fortbewegung stehen neben Fahrrädern auch Golf-Caddies zur Verfügung. Mit dem Fahrrad ist die Hauptinsel in eineinhalb Stunden umrundet. Vor allem in den Randstunden während der Vor- und Nachsaison hat man diese dann fast für sich allein. So ähnlich müssen sich die betuchten Gäste zu Kuppelwiesers Zeiten gefühlt haben.

Zumindest bis auf weiteres besteht ein großer Unterschied: Die Preise in den mit respektablem Komfort ausgestatteten Hotels sind für westeuropäische Normalverdiener bezahlbar. Geht es indes nach den Plänen der Nationalparkverwaltung, die hier nicht nur für die Natur, sondern auch für die Hotels zuständig ist, so könnte das schon bald vorbei sein.

Pläne für ein Luxusresort

Mit Geld österreichischer und italienischer Investoren soll Brijuni wieder zum superteuren Resort werden, mit Übernachtungspreisen ab 500 Euro aufwärts. Die Hotels mit 330 Betten würden entsprechend nachgerüstet und der Golfplatz von neun auf achtzehn Löcher erweitert werden. Weitere Luxushotels wären am Festland vorgesehen. Von bis zu 2000 Betten ist die Rede. Die Gäste würden zwar Zugang auf Brijuni erhalten, aber am Abend wieder nach Istrien zurückkehren müssen. Was mit den Tagestouristen passiert, ist noch nicht ganz klar. Soll die heutige Beschaulichkeit erhalten bleiben, wird man aber um Restriktionen nicht herumkommen.

Das ist schade, denn Brijuni erlebt die einzige Periode seiner jüngeren Geschichte, in der man weder einen dicken Geldbeutel noch sozialen Status mitbringen muss, um seine Schönheit zu genießen. (Urs Fitze/DER STANDARD, Printausgabe)

Info

Der Nationalpark Brijuni ist von Februar bis Dezember geöffnet. Vor allem in der Hochsaison im Sommer wird empfohlen, sich ein paar Tage vor dem geplanten Besuch bei der Nationalparkverwaltung anzumelden
Tel.: 00385 / 52 525807
Fax: 00385 /52 521367
np-brijuni@pu.tel.hr
www.np-brijuni.hr
Dort können auch Hotelzimmer gebucht werden. Ein Doppelzimmer kostet in der Nebensaison rund EURO 30 pro Person, in der Hauptsaison rund EURO 82
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