Betrunken im Dienst

3. Oktober 2002, 17:30
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Der großartige Country-Rocker Ryan Adams veröffentlicht kurz vor seiner Weltkarriere noch das berührende Album "Demolition"

Jetzt heißt es tapfer sein: Das wirklich Erstaunliche an Elton Johns Openair-Kuschelstunde vor dem Wiener Schloss Schönbrunn im Sommer 2002 war wider Erwarten nicht etwa, dass er in der in der ersten Reihe fußfrei sitzenden und in Österreich weltberühmten Christine Lugner Die Nanny aus der gleichnamigen ORF-Vorabend-Serie zu erkennen glaubte und sie dementsprechend begrüßte: "Hi, Fran!" Und auch das aktuelle Anzugmuster aus dem Hause Schrei und Brüll sorgte für ebenso wenig Aufsehen wie sämtliche Pianoballadenheuler zwischen Nikita und Your Song.

Mittendrin in dieser Musik gewordenen Sozialpartnerschaft aus singendem Großkapital und im Takt schunkelnden Zuarbeitern tauchte allerdings völlig unerwartet ein Song auf, der nicht aus Elton Johns Fließbandproduktion stammt, sondern Ende der 90er-Jahre von einem Landei aus dem amerikanischen Süden komponiert wurde, als dieses gerade in New Yorks Downtown-Szene nach einer durchzechten Konzertnacht mit einem schweren Hangover aufgewacht war: "Oh, my sweet Carolina, what compels me to go? Oh, my sweet disposition, may you one day carry me home!" Die Rede ist von Oh, My Sweet Carolina von Ryan Adams, enthalten auf seinem ersten Soloalbum Heartbreaker aus 2000. Im Original wird diese schönste Heimwehballade seit Bryan Ferrys Carrickfergus gemeinsam mit der großen alten Country-Sängerin und -Muse Emmylou Harris (Gram Parsons, Neil Young, Steve Earle ...) vorgetragen. Sie markierte den Start einer Karriere, die spätestens im nächsten Jahr weltweit so richtig aufgehen dürfte. Ein kleiner neuer Rockgott zwischendurch kann ja nichts schaden, jetzt, wo Jon Bon Jovis Hintern erste Falten bekommt.

Ryan Adams, dank einer nur schwer nachvollziehbaren Produktionswut zumindest in der seriösen Musikwelt längst nicht mehr mit dem kanadischen Peter Maffay, Schmusebär Bryan Adams, verwechselt, hat nicht nur merkwürdige adelige Freunde wie Sir Elton John. Auf der anderen Seite weiß der 27-Jährige schon auch, was sich bezüglich Rock'n'Roll-Lifestyle gehört. Bei den Rolling Stones wird nämlich nicht mit Sir Mick Jagger Cappy-Wodka gebechert, sondern naturgemäß mit Haderlump Keith Richards um die Wette gewankt ("Der alte Sack scheint mich irgendwie zu mögen."). Und wenn auch noch Country-Gevatter Willie Nelson mit einer Tüte Gras um die Ecke lugt, mit dem gemeinsam er im November auf dessen kommendem Album Friends, Stars & Guitars den Stones-Hadern Dead Flowers singen wird, ist der standesgemäße Five-Star-Kater bis in den Nachmittag hinein nicht weit.

Dementsprechend entsetzt fielen dann auch die Reaktionen auf Ryan Adams letzte Deutschlandtournee aus. Zwar sorgte er schon vor seiner Solokarriere Mitte der 90er-Jahre mit der programmatisch betitelten Band Whiskeytown, Songs wie Drank Like A River oder Too Drunk To Dream und exzellenten "Alternative Country"-Alben wie Faithless Street (1996) und dem lange Zeit nur als Bootleg erhältlichen Pneumonia für die sentimental-trunkensten Momente seit den Soloalben des großen New-Country-Erfinders Gram Parsons und dem nachgestellt windschiefen Südstaaten-Rock der Rolling Stones in ihrer Exile On Main Street-Phase.

Allerdings war man offensichtlich auch wegen Adams' Vorjahreserfolg von Gold und seinen durchaus auch vom kommerziellen Sound her Hitradio-tauglichen wie lyrisch-sensiblen Sixties-Singer / Songwriter-Verweisen nicht ganz auf Ryan Adams live vorbereitet. Betrunken im Dienst wie sonst nur Busenfreund Keith Richards wurden hier sämtliche sensiblen Zwischentöne wüst und mit Feedback-Gitarren Richtung Iggy & The Stooges gepunkt und somit weite Teile des Publikums, die sich hier "einen neuen Dylan" erwartet hatten, Richtung Ausgang getrieben. Keine Frage, der Mann weiß, was er tut. Und das bei einer schnuckeligen und oft zum Säuseln neigenden Gesangsstimme, die nicht ganz zu Unrecht mit jener von Paul Simon verglichen wird!

Herzerfrischend zwiespältig gestaltet sich auch das neue Album von Adams. Eingespielt über einen längeren Zeitraum während konzertfreier Tourneetage, im Urlaub oder wenn es gerade nichts Besseres zu tun gab, weil sich nachts Schlafen als langweilig erweist, ist Adams dabei nicht nur sein bis dato persönlichstes Album gelungen. Die (musikalische) Zerrissenheit dieser ursprünglich nur live im Studio als Songskizzen festgehaltenen Songs von Demolition (mit der Betonung auf Demo), bei denen auch Dylan-Musiker Bucky Baxter mitwirkt, lässt sich auch textlich festmachen. Adams widmet die Songs, unter anderem das berührende Jesus (Don't Touch My Baby), seiner vor kurzem nach schwerer Krankheit gestorbenen Lebensgefährtin: "It's starting to hurt". Adams wollte Demolition ursprünglich The Suicide Handbook nennen und als umtriebiger Songschreiber gleich eine Vier-CD-Box veröffentlichen. Sind wir froh, dass das nicht geschehen ist. Wie heißt es auf Heartbreaker: "To be young is to be sad, is to be high."

Von
Christian Schachinger

Termin

Ryan Adams live in der Nähe von Österreich:
7. 11., Zirkus Krone, München
  • Ryan AdamsDemolition (Universal)
    foto: universal

    Ryan Adams
    Demolition
    (Universal)

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