Jazz-CDs der Woche

3. Oktober 2002, 17:30
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Die auffälligsten: Brad Mehldaus "Largo" und Charlie Hadens "American Dreams"

BRAD MEHLDAU
Largo
(Warner)
Er ist einer der neuen Versunkenheitskünstler des Jazz, dieser Brad Mehldau. Wie Keith Jarrett wühlt er im Klavier, verschwindet fast im Instrument. Doch alles keine zwischen Lyrik und Ekstatik angelegte Pose. Mehldau ist einer der wenigen, die es zuletzt geschafft haben, aus dem Geist impulsiver Subjektivität heraus glaubwürdige Improvisationsstunden zu zaubern. Zumeist im Trio, der jazzklassischen Besetzung. Solokonzerte stehen noch aus. Nun hat er mit Largo sein bisher aufwändigstes Projekt vorgelegt. Er blieb sieben Tage im Studio, mixte das Ganze neun Tage lang. Drei verschiedene Bassisten waren abwechselnd zugegen, zudem vier Schlagzeuger und auch größere Ensembles. Er selbst klingt soulig, entspannt, setzt auf Steigerungen, dann wieder auf widerborstig kauzige Schlenker - mitunter tönt es allerdings wie aus einem gefälligen Salon. Trotzdem ist die Sache interessant verrückt, und das hängt mit den soundmäßig vielfältig angelegten Rahmenbedingungen zusammen. Man hört Steeldrums, Kitsch, dann entführt Mehldau in die Welt moderner Elektronik und landet auch im Bereich des psychedelischen, frühen Jazzrock mit seinen Sound-Explosionen. Klassisch wird allerdings auch noch gestrichen, es darf auch ein bisschen Bossa ran. Ein unglaublicher Wildwuchs, danke Brad.

CHARLIE HADEN
American Dreams

(Gitanes/Universal)
Charlie Haden, eine der wenigen auratischen Bassstimmen. Sein entspannter Stil ist voller Wärme, der sparsame Einsatz von Noten zeugt vom Talent zu tragfähigen Aphorismen. Haden ist auch ein echter Songsammler, der diese gerne schön traurig interpretiert (America The Beautiful) und gerne in sentimentale Klangbilder packt. Auch hier hat er bekannte Hits wie Travels in Streicherwatte gepackt, und auch seine Kollegen wie Michael Brecker, Brian Blade und (schon wieder) Brad Mehldau geben sich recht glatt und zahm. Die Sache ist der Erwähnung vor allem deswegen wert, weil sie exemplarischen Wert hat. Uns ist das nämlich alles ein bisschen süß, und wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, hier würden Könner ein wenig in der Tonart der Selbstverleugnung musiziert. Klingt alles sehr schön. Zu schön, um ehrlich zu sein? (DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

Von Ljubisa Tosic
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