Die Kunst der hohen Latte

3. Oktober 2002, 17:30
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Neues vom French House: Cassius' "Au Rêve" und David Guettas "Just A Little More Love"

Zwei Neuveröffentlichungen aus dem French-House: Das Duo Cassius belegt mit "Au Rêve" nachdrücklich seine Ausnahmestellung, während der Clubstar und DJ David Guetta noch übt.


Als La Funk Mob 1994 ihr Mo-Wax-Debüt "Tribula Extra Sensorelles" produzierten, liefen Club-Sounds-Freunden wohlige Schauer über den Rücken. Hubert "Boombass" Blanc-Francart und Phillipe Zdar gelang ein moderner Funk, der in seiner Eleganz den Vergleich mit den britischen Stereo MC's nicht scheuen musste. "Abstract Musical Science" nannte man das damals. Das für seine Produktionen von MC Solaar bekannt gewordene Duo nahm dem HipHop die Kanten, ohne seine Authentizität zu verletzen und lenkte ihn Richtung Dancefloor. Tracks wie La Doctoresse oder Motorbass Get Funked Up darf man uneingeschränkt als Genre-Klassiker bezeichnen: "Fonky comme merde!"

Parallel dazu war Zdar zusammen mit Etienne De Crecy als Motorbass in der House-Szene aktiv und veröffentlichte 1996 mit Pan Soul das wohl bedeutendste Album der französischen House-Szene. 1999 schließlich bewerkstelligten Zdar und Blanc-Francart als Cassius einen Relaunch, indem sie als geübte Eklektiker vermehrt Pop-Charakteristika in ihre Tracks integrierten und mit traditionellen Disco-, Soul- und Funk-Motiven einen intelligenten Hybrid auf Höhe der Zeit kreierten.

Mit Au Rêve, dem nun veröffentlichten Nachfolger, führen sie diese Arbeitsweise fort und neuen Höhepunkten zu. Für überzeugende Ergebnisse zeichnen neben der teils atemberaubenden Produktion vor allem herausragende Gastvokalisten verantwortlich. Etwa die frühere Disco-Diva Jocelyn Brown, auf deren Gesang Dance-Produzenten wie Masters At Work in der Vergangenheit genauso zurückgegriffen haben wie Lou Reed, veredelt mit ihrer Glamour verströmenden Stimme den verschwitzt pumpenden Track I'm A Woman.

Ein anderer Sänger, Leroy Burgess, sorgt zusammen mit einem Stimm-Sample des großen Al Green auf Under The Influence für beseelte Momente. Vor Gitarrenriffs schreckt man ebenso wenig zurück wie vor der Einbeziehung des großmäuligen Rappers Ghostface Killah. Mit Au Rêve legen Cassius die Latte wieder ein Stück höher: keine Konfektionsware sondern Haute Couture, die an den kleinen aber essentiellen Unterschieden erkennbar ist.

Eine andere Fixgröße der französischen Club-Kultur veröffentlicht dieser Tage ihr Debüt-Album: David Guetta. Der vor allem als DJ und Clubmacher (La Bain-Douche) bekannte Pariser pendelt auf Just A Little More Love zwischen wirklich lässigen Tracks und eher nach Maturareise-Disco klingendem Dance. Nur: Für Peinlichkeiten wie Love Don't Let Me Go oder Atomic Food muss man nicht schreiben und lesen lernen. Andere, sich eher an Disco orientierende Songs rücken den Daft-Punk-Spezi in ein besseres Licht. Tracks wie Can't You Feel The Change oder zart mit Electro kokettierende Entwürfe machen eher nachvollziehbar, warum Guetta zuhause und auf Ibiza ein Star ist. Das nach der bleichen Anne Clark klingende It's Allright fördert dagegen eher die Abneigung. Zu sehr bedient Guetta hier den Mainstream und bestätigt so ein gängiges Vorurteil gegen den Sound der Balearen-Insel. Aber: Cassius einlegen, und alles wird gut. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.10.2002)

Von Karl Fluch
  • Cassius Au Rêve
Ohne Bild:David GuettaJust A Little More Love (beide Virgin)
    foto: virgin

    Cassius
    Au Rêve

    Ohne Bild:
    David Guetta
    Just A Little More Love
    (beide Virgin)

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