Ein Platz zum Denken

4. Oktober 2002, 15:02
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Die Universität für angewandte Kunst veranstaltet unter dem Titel "wie weit noch" eine Art Festspiele des Designs. Welcher Geist die Szene durchweht, berichtet Professor Paolo Piva

der Standard: Sie stehen seit 15 Jahren der Meisterklasse für Industrial Design an der Angewandten vor. Wie lehrt man Design?

Paolo Piva: Man lehrt Design in dem Moment, in dem man bei den Leuten eine gewisse Aufmerksamkeit erwecken kann, auch eine Besessenheit von der Freude, etwas zu machen. Ein Designer ist jemand, der immer wieder von neuem ein Objekt erfindet. Es geht um eine Art Eroberung des Objektes. Im Zuge der Ausbildung versuchen wir, diese Aufmerksamkeit zu erwecken, sie bewusst weiterzuentwickeln und den Studenten dorthin zu bringen, dass das zu realisierende Projekt nur auf diese eine Art bestehen kann. Der nächste Schritt besteht dann darin herauszufinden, wie man dieses Produkt am besten für Unternehmen attraktiv machen kann.

Was können Sie von diesem Bewusstsein weitergeben?

Paolo Piva: Vielleicht Besessenheit. Ich glaube, dass das die Studenten sofort verstehen. Es geht nicht um ein gemütliches Leben. Es geht um den ständigen Kampf, jemanden zu überzeugen, dass ein Objekt so und so sein muss. Das ist hart.

Heute Abend eröffnet im Künstlerhaus eine Schau, in der 85 Absolventen der Meisterklasse für Design sowie 60 derzeit Studierende eine Auswahl ihrer Arbeiten präsentieren. Wie vielen Ihrer Design-Studenten gelang es, mit heimischen oder internationalen Firmen weiterzuarbeiten?

Die Ausstellung soll genau auf diese Frage eine Antwort geben. Fast alle sind noch in der Disziplin tätig, und ich glaube, das ist ein enormes Resultat. Das kann man zum Beispiel von der Architektur nicht behaupten. Ich würde sagen, 20 Prozent sind international erfolgreich tätig. Die anderen arbeiten in Österreich, viele als Selbstständige. Andere wiederum sind in Sachen Designtheorie und -geschichte aktiv. Die Absolventen sind auch mehr oder weniger in Kontakt mit unserer Meisterklasse, einige erfüllen Lehraufträge. Ich denke, wir sind da ein sehr lebendiger Pol.

Wie wichtig ist es für einen jungen Designer, zumindest eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten?

Paolo Piva: So, wie es für Künstler wichtig ist, sich einen Überblick zu verschaffen. Jeder soll versuchen, sich mehr oder weniger zu entwurzeln, um dann wieder Wurzeln zu schlagen, die vielleicht in die Luft wachsen.

Was wird sich betreffend Lern- und Lehrbarkeit von Design ändern? Stichworte: neue Technologien, Medien und Umweltanforderungen.

Paolo Piva: Unsere Disziplin berücksichtigt alle diese Elemente. Dadurch sind wir vielleicht die Ersten, die beherrschen, wie man einen Computer domestiziert. Man sieht auch in der Ausstellung Arbeiten von 1987, bei denen alles von Hand gezeichnet wurde. Heute wird ja fast nur noch mit Renderings und Animationen gearbeitet.

Nächste Woche findet ein Symposium zum Thema Design statt, an dem internationale Kapazunder der Gestalterwelt wie z.B. Richard Sapper teilnehmen werden. Inwieweit kann man über Design diskutieren, wenn es noch nicht einmal möglich ist, einen halbwegs einheitlichen Designbegriff zu etablieren?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass Design eine lebendige Materie ist und jeder Gestalter oder Kritiker seine Vision von Design hat. Aber wie in der Kunst existieren auch im Design viele Positionen. Man kann ruhig debattieren. Jeder versucht, seinen Weg zu erklären. Es ist besonders interessant, dass das Ganze in Wien stattfindet, denn Wien war bisher keine Hauptstadt des Designs.

Wo sehen Sie die Grenze zwischen Kunst und Design?

Paolo Piva: Natürlich gibt es da eine Trennung. Designer, die nicht für eine Gesellschaft arbeiten, können nur schwer existieren. Insofern haben wir mit viel mehr Limits zu leben als Künstler. Wobei unsere Kunst darin liegt, aus diesen Begrenzungen eine nächste Ebene der Freiheit zu finden.

Worüber wird auf dem Symposium debattiert werden? Welche Wege geht die Gestaltung?

Paolo Piva: Nach skandinavischem und italienischem Design, Strömungen wie Memphis oder dem späteren Minimalismus, der ja auch eine gesellschaftliche Notwendigkeit reflektiert, geht es jetzt darum, dass Europa seine Chance nutzt, nicht auf Mitteleuropa zu vergessen. Jetzt ist der Moment da, wo Städte wie Wien, Prag, Budapest und auch Moskau neue Impulse setzen werden. Ich glaube, das ist für Wien und auch für die Angewandte eine enorme Chance. Egal, wie diese Strömung dann heißt, am Zug ist jetzt eine Gesellschaft, die sich seit langem zurückgehalten hat.

Wie schaut es mit anderen österreichischen Ausbildungsstätten für Design, zum Beispiel in Graz oder Linz aus. Besteht eine Zusammenarbeit, konkurrenziert oder ignoriert man sich gar?

Paolo Piva: Es existiert keine Konkurrenz also auch kein Kampf. Ich bin eher ein Gegner von lokalen Geschichten. Ich versuche weiter zu denken. Es hat keinen Sinn, sich intern zu konkurrenzieren. Man muss versuchen, gegen andere Kräfte zu kämpfen. Wir sind bis jetzt sehr leise geblieben, weil wir erst Resultate zeigen wollten. Jetzt können wir sie präsentieren, und das wird ein gutes Statement in der Szene.

Glauben Sie nicht, dass Konkurrenz zwischen den heimischen Gestalter-Stätten auch sehr fruchtbar sein könnte?

Paolo Piva: Konkurrenz ist immer fruchtbar. Ich glaube aber, wenn etwa in der Umgebung von Graz eine Konzentration von Firmen besteht, die zum Beispiel für die Autoindustrie arbeiten, würde ich eine Spezialisierung auf diesem Gebiet für interessanter halten als in Wien, wo eine andere Spezialisierung existiert. Ausbildungsstätten sollen auch die lokalen Umstände berücksichtigen. Wien ist ein Platz zum Denken, dadurch konzentriert sich unsere Disziplin auf ein Entwerfen im breitesten Sinne des Wortes.

Das österreichische Design wird im Vergleich mit dem italienischen, englischen oder finnischen oft belächelt oder gar negiert. Woran liegt das?

Paolo Piva: Kennen die Leute, die das sagen, belgisches Design oder zeitgenössische dänische Gestalter? Mehr oder weniger können österreichische Designer, sagen wir mal, in einem größeren See schwimmen. Denkt man zum Beispiel an die Filmindustrie in Hollywood, bestand die Hälfte davon ja auch aus Österreichern. Man hat sie aber nie als Österreicher erkannt. Das wird auch in Europa passieren, wenn Design geschaffen wird. In absehbarer Zukunft werden wir sehen, dass vieles davon aus Österreich kommt. Das ist manchmal auch eine provokante Frage. (derStandard/rondo/Michael Hausenblas/4/10/02)

Ausstellung "wie weit noch" - Arbeiten der Absolventen und Studenten der Meisterklasse für Industrial Design (1987-2002) im Künstlerhaus Wien
Karlsplatz 5, 1010 Wien
Eröffnung am 4. Oktober 19 Uhr (Dauer der Ausstellung: bis 10. Oktober)
Symposium im Künstlerhaus Kino mit Richard Sapper, Borek Sipek, Deyan Sudjic, Daniele Baroni, Alison J. Clarke und einigen mehr
(Anmeldung: Uni- versität für angewandte Kunst, Tel. 01 / 711 33 2160)
Infos unter: www.angewandte.at/wieweitnoch.htm

Paolo Piva, Architekt,
Designer und Vorstand des Instituts für Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien.
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