Sissi und Franzl

13. Oktober 2002, 23:58
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Wie sich Österreichisches auch vergangener Zeiten eher unbemerkt in die Herbstmode schmuggelt

Im vergangenen Monat erschien in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel mit der Schlagzeile "Der leise Erfolg der Austro-Stars". Er befasste sich aber weder mit Kino noch den wedelnden Vertretern des Skizirkus, wie etwa der Titel vermuten lassen könnte, sondern berichtete vom unaufhaltsamen Aufstieg nicht weniger Unternehmen der Alpenrepublik in die Nischen der Weltwirtschaft. Die Rede war vom Kristallproduzenten Swarovski, dem Strumpfhersteller Wolford oder dem Weinglasfabrikanten Riedel, um nur einige Namen zu nennen. Interessant war auch die Zeile unter der Überschrift, die sich wie ein Resümee las: "Viele österreichische Firmen haben sich zu Weltmarktführern entwickelt. Kaum jemand hat es allerdings bemerkt."

Ganz ähnlich ergeht es Österreich auch im Modekarussell der derzeitigen Herbst / Wintersaison. Wohin man schaut, erkennt man Aspekte des Mythos Austria in der Fülle der Trends. Doch kaum einer schreibt darüber. Verstellt die "Mozartkugel-Romantik" den Blick auf die Realitäten, wie oben zitierter Artikel vermutet? Verantwortlich dafür macht die FAZ übrigens das offizielle Österreich-Bild, das noch immer geprägt werde von Wolfgang Amadeus, den schönen Landschaften und dem Film "Sound of Music" (man erinnere sich: Julie Andrews, singend und im Dirndl auf den Spuren Ruth Leuweriks und der Trapp-Familie in Amerika).

Exakt dies war aber den internationalen Modemachern für diesen Winter noch immer mehr als nur eine Kollektion wert. So begab sich das italienische Duo Domenico Dolce und Stefano Gabbana nach Tirol, um den Fans ihrer jungen D-&-G-Linie alles unterzujodeln, was nur im Entferntesten an Almrausch und Alpenglühen erinnert. Edelweiß und Enzian blühen als Bordüren auf Rocksäumen und prangen, aus dicken Wollgarnen gestickt, auch auf Shirts. Deftige Strickwesten mit Zöpfen und Bommeln sehen aus, als ob sie sich um die Hitparade der Volksmusik bewerben wollten. Und die junge Trendsennerin, pardon, -setterin trägt Mieder, auf Taille geschnürt, und pusht, was das Dekolletee hergibt. Dazu passen Cargo-Pants aus Cord, die taschenbesetzten Workerhosen der HipHop-Kids.

Mailand mag dieser Trend entzücken, Wien erstaunen, aber zwischen Salzburg, Innsbruck und München schlägt er Sorgenfalten. Schließlich hängt dort all dies bereits in den Geschäften, und zwar in jenen trachtigen, welche die Designerkundin wie der Teufel das Weihwasser meidet.

Der Mode geht es auch weniger um Österreich als Land. Ihr geht es um Austria als Idee. Für Anna Molinari, Designerin der Kollektion "Blumarine", ist sie das Synonym für Romantik pur. In deren Mittelpunkt stellt sie Sisi, die Kaiserin, jedoch nicht die gertenschlanke, schwarze Silhouette der Amazone auf dem Habsburgerthron, sondern die pummelig-herzige Romy-Sissi aus den frühen Jahren von Papas Kino in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts. Also schmücken wieder Rosengirlanden pastellfarbenen Tüll, und knapp taillierte Redingotemäntel aus Samt zieren schwarz bestickte Manschetten und Kragen. Ein kurzes Cape tauft die Molinari "Valzer", es soll aus geschorenem Fell oder spitzenähnlich durchbrochenem Filz Schal und Umschlagtuch ersetzen.

Überraschenderweise machten sich viele Designer auch auf den Weg nach Gödöllö, Sisis Lieblingsschloss in der Nähe von Budapest, und landeten dabei allzu häufig bei Gräfin Mariza in Varasdin. Dort träumten sie dann so heftig von der Puszta, als habe ihnen die Csárdás-erprobte Marika Rökk persönlich die Schere geführt. Und deshalb erinnern Mohnblumen an ungarische Trachten und blühen in Blätterranken auf Westen und Röcken zum Beispiel bei Etro, dem Mailänder Traditionshaus, ansonsten eher durch Paisley- und Kaschmirdrucke bekannt. In New York dachte sogar Anna Sui so oft an Piroschka, was Bauernkleider mit Streublümchen auf dunklem Fond zur Folge hatte. Und Marc Jacobs inspirierte der "Zigeunerbaron" zu Hosenrollen mit Stiefeln und litzenbesetztem Spenzer.

Die Mode schwelgt in Farbenrausch und Operettenkitsch, und das in Zeiten, so hat es den Anschein, in denen die politischen Schlagzeilen eher Anlass zur Sorge bereiten. Ist sie deshalb weltfremd und oberflächlich, wie ihre Kritiker behaupten, oder viel klüger, als man denkt? Vielleicht registriert sie als Seismograf ihrer Zeit, wie gerne behauptet wird, durchaus die Ängste in ihrer Umgebung und auch die Veränderungen, die in der Luft liegen.

Aber es ist nicht die Aufgabe der Mode, sie darzustellen. Das überlässt sie besser anderen Disziplinen wie dem Theater oder der Kunst. Ihr Bestreben ist, den Einflüssen alles Negative zu nehmen. Das gelingt umso besser, wenn sie jene in ferne Zeiten projiziert, in denen wir Parallelen erkennen. Unsere Angst vor Krieg und die Veränderungen im Osten erinnern an die Fin-de-Siècle-Stimmung des ausklingenden Habsburgerreiches. Aber ohne sich in düsteren Überlegungen zu verlieren, interpretiert die Mode die romantischen und dekorativen Aspekte dieser Zeit als Balsam für unsere erschreckten Seelen.

Die Mode scheint ihre Lektion besser als erwartet gelernt zu haben. Denn zum Trend Österreich zur Zeit der Jahrhundertwende gehört auch Sigmund Freud - selbst wenn der in den internationalen Modetendenzen eher nicht vorkommt. (Der Standard/rondo/04/10/2002)

Von Peter Bäldle
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    Modell von Vivienne Westwood

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    Modell von D&G

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