Sportswear mit Zuckerguss

7. Oktober 2002, 11:13
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Bei der Mailänder Vorschau auf das kommende Frühjahr standen nicht nur Cargo- und Armyhosen im Mittelpunkt. Auch die Achtziger waren wieder einmal schwer zugange, berichtet Peter Bäldle

Es gibt nichts, was man diesen Hosen in Mailand nicht zumutet: Einmal sind sie knackig und schenkelkurz wie bei D & G, Dolce / Gabbanas junger Linie, einmal pludrig und dreiviertellang wie bei Emporio Armani. Oder aus Goldleder im Stil der verschwenderischen Achtzigerjahre, wie sie Samsonite-Designer Gigi Vezzola zeigte. Das kann Maurizio Pecoraro noch toppen, indem er Armyhosen aus silbernem Paillettenstoff ins Rennen schickt. Topmodisch sind jedoch die hautengen Varianten, die nicht nur Sportmax aus schwarzem Stretchsatin zeigte.

Dabei sind Cargo-Hosen nicht eigentlich neu. Als überweite, auf den Hüften sitzende Baggy Pants gehören sie längst schon zum Outfit der HipHop-Kids. Doch nun haben sich die Designer ihrer angenommen, damit sie für die abebbende Jeanswelle in die Bresche springen. Sie inspirieren mit ihren Pattentaschen, Sturmriegeln und chromblitzenden Reißverschluss-Details auch üppige Blousons, gegürtete Militärjacken und pokurze Stretchröcke. Für die Mode bedeutet das: Sportswear is back - und zwar in ungeahnter Vielfalt.

Sportlichkeit mit Glamour

Allerdings wagen nur wenige Designer, wie etwa Alessandro dell' Acqua, der Darling der jungen Mailänder Szene, den Formen ihren militärischen Ursprung zu belassen. In Nato-Oliv begleiten Uniform-Spenzer Bermudas und seitlich ausgebuchtete Jodhpur-Hosen. Strassfunkelnde Colliers dienen als Kontrapunkt.

Generell galt es, der neuen Sportswear Begehrlichkeit zu beschaffen. Deshalb entdeckten die Designer die Achtzigerjahre wieder, die Glamour-Sportlichkeit bei Claude Montana und Thierry Mugler, der sie jedoch alles Konstruierte nahmen. Was blieb, sind stretchenge Hosen, pokurze Röcke und Shorts, zu denen Pumps mit High Heels passen, möglichst aus silbernem Leder.

Am perfektesten interpretiert Tom Ford für Gucci jene Mixtur aus Lässigkeit, Sexy- ness und Glamour, welche die Mode wieder jung und aufregend erscheinen lässt. Wunderbar, wenn man außerdem groß und gertenschlank ist und Beine sein Eigen nennt, so lang und schön wie jene der Bluebell-Girls im Lido in Paris! Dann sind Guccis Röhrenhosen aus rosenholzfarbenem Stretchsatin noch einmal so schön, und die mit Kirschblüten und Reihern bestickten Drapé-Kleider aus Schantungseide eine Sensation. Auf jeden Fall gelang es Ford, seinem Label den alten Glanz wieder zurückzugewinnen.

Sportswear - klarlinig und modern

Mehr als nur einen Achtungserfolg konnte auch Milan Vukmirovic für sich verbuchen, der neue Designer und Nachfolger von Jil Sander. Er schien sich zum ersten Mal vom schweren Erbe gelöst zu haben und wagte einen respektablen Alleingang, um Sportswear klarlinig und modern zu interpretieren. Dafür spielt er etwa mit Fallschirmspringer-Details an graphitgrauen Parkas aus gewachster Baumwolle und probiert ein neues Layering mit Netzstoffen und Satin in Neonfarben. Fabelhaft sind jedoch die Schnittexperimente mit Reißverschlüssen, die füllige Eighties-Oberteile diagonal durchsägen, Miniröcke in Streifen schneiden und sich in Flechtbildern wieder zusammenfinden.

Auch Domenico Dolce und Stefano Gabbana begreifen die Achtzigerjahre als Inspiration, wobei sie Punk-Elemente und Glamour mischen. So hatten Workerhosen Bondagegurte und Riegel mit chromblitzenden Schließen, was zu Kettengürteln und mit Nieten beschlagenen Bikerboots gleichermaßen passt. Sexyness greifen Corsagen und Microminis auf - sowie Kropfbänder, auf denen das Wort "Sex" zu lesen ist. Manch einer empfand dies ebenso befremdlich wie die blickdichten schwarzen Strumpfhosen und den weißen Pelz, der trotz Paillettenbordüren Winterstimmung aufkommen ließ.

... und Ausnahmen

Natürlich gab es auch Farben und bunte Drucke wie etwa bei Etro und Pucci, wo Christian Lacroix Premiere feierte. Aber selten zuvor sah man so viele hässliche Dessins und gewalttätige Farbkombinationen wie für den kommenden Sommer.

Eine rühmliche Ausnahme ist Miuccia Prada, die sich, nach ihren eigenen Worten, um eine Definition von "Modern Beauty" bemüht. Zwar sind auch bei ihr Zigarrenbraun und Tannengrün eher gewöhnungsbedürftig, aber Pink mit Orange und Fuchsia zu Nougatbraun, in schwerem Satin, bringen den Sommer zum Leuchten.

Szene-Geheimtipp Antonio Marras

Einen magischen Moment erlebte die Mailänder Saison beim Defilee von Antonio Marras, einem 40-jährigen Mann aus Sardinien, der seit ein paar Saisonen bereits als Geheimtipp gehandelt wird. Seine Auffassung von Schönheit inszenierte er mit einem Bühnenaufbau aus alten Türen mit bleiverglasten Jugendstil-Fenstern, aus denen seine ätherischen und pittoresken Geschöpfe entsteigen. Sie hüllen sich in Tüll und Spitze, tragen goldbepinselte Uniformjacken und mit Flicken besetzte Workerhosen, über die sie bestickte Malerkittel aus geknittertem Leinen ziehen. Japanische Päonien werden auf fließende Seide gedruckt und in Schwarz auf Weiß zu Jogginganzügen verarbeitet.

Darüber schwebt, den ganzen Laufsteg entlang, beim Finale eine mit Gurten gesicherte gute Fee in schwarzem Tüll, welche mit vollen Händen die gesamte Kollektion in funkelnden Zauberstaub hüllt. Daraus wurde Mailand ein neuer Star geboren! (Peter Bäldle/DER STANDARD/rondo/3/10/2002)

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    D & G

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    Armani

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    Alessandro dell' Acqua

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    Alessandro dell' Acqua

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    Antonio Marras

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