Schöner schlurfen

6. Oktober 2002, 11:56
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Rauf bis zum halben Oberschenkel, knapp über den Knöchel, vorne geschnürt, hinten gezippt, hauteng, locker schoppend, mit breitem, flachem, spitzen, runden, hohen oder wie auch immer Absatz: In dieser Saison ist es so gut wie unmöglich, nicht seinen Lieblingsstiefel zu finden

Das Lieblingsaccessoire des Winters 2002/2003 ist der Stiefel - und Frau darf sich freuen. Denn zumindest in dieser kalten Jahreszeit sind die Zeiten vorbei, in denen man sich mit zarten Schühchen oder gar sandalenähnlichen Frivolitäten durch Eis und Schnee pflügen musste, wollte man trendmässig mit dabei sein.

"In der aktuellen Saison gibt es endlich auch warme Stiefel, die trotzdem gut ausschauen", freut sich die Schauspielerin Elke Winkens und erinnert sich mit Schrecken an frühere Jahre, in denen zehenfrei auch im Winter gefragt war. An die 20 Paar Stiefel hat sie zuhause, bekennt Winkens, die sich selbst als absoluten Schuhfan bezeichnet, neueste Zugänge sind unter anderem Stiefel von Marc Jacobs, die vorne ganz rund sind, und "ganz arge Stiefel" von Sergio Rossi, mit einem flachem Absatz und vielen Schnallen am Schaft. "Wie von den Hunnen", sagt Winkens.

Dass sie schön warm sind, ist nicht der einzige Grund für Winkens, so gut wie den ganzen Winter über Stiefel zu tragen. Die Schauspielerin, die gerade in Wien neue Folgen von "Kommissar Rex" dreht, trägt die Beinkleider auch gerne am Set. "Wenn wir spielen, habe ich lieber Stiefel an, weil ich ein sicheres Gefühl damit habe."

Eine geschlagene halbe Stunde lang habe er neulich die aktuelle Schuhmode im Fernsehen zeigen dürfen, und es waren nur Stiefel dabei, sagt Franz Wunderl, der in Sollenau ein aus mehreren Geschäften bestehendes Eldorado für Fußbekleidungsfreaks führt.

Velours oder Rauleder, auf jeden Fall ein sanftes, weiches Material muss es sein, predigt Wunderl, am besten mit Bändern oder Fransen in Richtung Nomadenlook, auch Pelzoptik sei sehr beliebt, oder Lammfell, das an den Nähten hervorlugt.

Boots - so Wunderls Überbegriff für Stiefel und Stiefeletten - sollten auch heuer noch vorne spitz sein und hohe Absätze haben, also eindeutig in die aggressivere Richtung gehen. Hie und da deutet sich aber schon die Ankunft einer sanfteren Richtung an, mit runder Spitze und geschoppten Schäften. Stretch, so Wunderls Prognose, die alle Dickwadigen nicht so freuen dürfte, ist beim Stiefel ziemlich vorbei, vor allem, wenn er aus textilen Materialien ist, maximal Nappa- oder Veloursstretchiges darf noch sein. Neben Schwarz, das ja zum hunderttausendsten Mal als Trendfarbe der Saison ausgerufen wurde, schwelgt die Stiefelsaison in den unterschiedlichsten Brauntönen - und die dürfen jetzt auch zu schwarzer Kleidung getragen werden.

"So wie die Saison anläuft, schaut sie recht vielversprechend aus", freut sich Till Reiter von der Wiener Schuhmanufaktur Reiter über die verfrühten ersten kalten Tage. Gute Aussichten für seinen Dauerbrenner Maronibrater: kuschelig warme Stiefel mit Lammfellfutter, die im Vorjahr ausverkauft waren, und trotz ihrer Robustheit auch im urbanen Umfeld auftreten: "Maronibrater werden getragen, wenn man in der Kälte herumgeht, ob am Wochenende oder in der Stadt, denn niemand will sich mehr kalte Füße holen", sagt Reiter. Weil diese Richtung so gut ankommt, gibt es bei ihm auch die Glühweinstiefelette und die Glühweintasche, mit einem nach innen gewendeten Lammfell und veloursartiger Außenseite.

Apropos Velours: Dass sich dieses Material nicht gut pflegen lässt, ist ein Trugschluss vieler Konsumenten, meint Till Reiter. "Man braucht keine Schuhpasta für Velours und man muss es auch nicht polieren wie Glattleder. Putzen und aufrauen mit einer Draht- oder Sauborstenbürste reicht vollkommen, ab und zu kann man Velours auch einsprayen."

Hohe und flache Stiefel, mit und ohne Fransen, in einer Art Reitstiefel-Design gibt es bei der Wiener Schuhmanufaktur im heurigen Winter, außerdem den Chelsea-Boot, Kurzstiefeletten mit seitlichem Gummizug für Männer und Frauen, die bis zum Knöchel reichen und sehr bequem sind.

Eine, die täglich Stiefel anhat, ist Theresia Thek, das hat aber keine modischen Gründe: Thek ist professionelle Reiterin, sie trainiert ihre drei Pferde täglich und hat auch ein Geschäft für Reitsport, die "Equi-Thek" in Baden. Modische Stiefel trägt sie aus (Frei-)Zeitmangel so gut wie nie. In ihrem Geschäft kann man hochwertige Reitstiefel kaufen oder auch Maßstiefel bestellen, der Hauptunterschied zum Modestiefel liegt natürlich in der Verarbeitung. "Der Unterschied liegt in Konfektionierung. Ein hochwertiger Lederstiefel ist sehr aufwändig verarbeitet, allein für den Sohlenaufbau sind 25 Arbeitsgänge und viel Handarbeit notwendig." Einen guten Lederstiefel, so Thek, gibt es bereits ab 230 Euro, exklusive Exemplare kommen auf 400 bis 500 Euro. "Ein Reitstiefel muss sitzen wie eine zweite Haut", erklärt Theresia Thek, daher gibt es die Modelle auch in unzähligen Varianten wie z.B. 20 verschiedenen Wadenweiten.

Modeströmungen existieren im Bereich Reitstiefel kaum - und wenn ja, dann entwickeln sie sich langsam. Derzeit hat man den Stiefel gerne etwas körpernaher, etwas enger am Knöchel, außerdem sind überhöhte Stiefel im Trend, erzählt die Fachfrau. Auch die Farbfrage ist im Reitsport meist schon durch die Reglements geklärt, meist muss es Schwarz sein.

Wie ein Reitstiefel auszusehen hat, hängt natürlich von der Sparte ab. "Ein Stiefel für einen Jockey im Rennsport hat ganz andere Funktionen als zum Beispiel ein Stiefel für das Dressurreiten", erklärt Thek. So soll man mit einem Dressurstiefel nicht nur guten Kontakt zum Pferd finden und auch Druck ausüben können, das Ding hat auch eine ästhetische Funktion, es soll ein schönes Bein machen. Jockeys hingegen haben extrem leichte Stiefel aus hauchdünnem Leder und mit dünnsten Sohlen, die schon fast wie Strümpfe aussehen, weil so wenig Gewicht wie möglich gefragt ist.

Eine kleine Warnung gibt's aber von der Profi-Stiefelträgerin. "Wenn man dauernd Stiefel trägt, bekommt man leicht einen etwas schleifenden Gang, ich will jetzt nicht von Schlurfen reden." (derStandard/rondo/Margit Wiener/4/10/02)

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    foto: bally
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