von Clarissa Stadler
Last-Minute-Modell

3. Oktober 2002, 23:32
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Uli hat sein drittes Bier bestellt und lässt nicht locker. "Wir haben jetzt Kalenderwoche 40", stellt er mit Nachdruck in den Raum. "Und?" "Das heißt, dass in zwölf Wochen Weihnachten ist." "Und?" "Das heißt, dass Singles allmählich über die operative Planung des Heiligen Abends nachdenken sollten."

Uli, bei Gott kein Traditionalist, bekommt um diese Zeit des Jahres für gewöhnlich Fracksausen. In früheren Jahren hat der Weihnachtshorror so um Halloween herum eingesetzt. "Du bist ein bisschen früh dran, findest du nicht?" Uli wischt sich den Bierschaum von der Oberlippe. "Man kann gar nicht früh genug anfangen. Im letzten Moment ist dann sowieso wieder alles anders."

Das stimmt natürlich, denn das Fiasko, auf das Uli anspielt, ist uns allen noch in Erinnerung. Uli hatte bereits im Spätsommer vergangenen Jahres den Nordischen Panikplan ausgearbeitet. Ein romantisches Konzept mit sieben Protagonisten, alle Single. Die einen allein stehend aus Überzeugung, die anderen durch widrige Begebenheiten auf dem zwischenmenschlichen Parkett. Der Nordische Panikplan sah ein Weihnachtsfest in den Bergen von Nordschweden vor. In einer verschneiten Blockhütte mit offenem Kamin, Rentierfell und Hüttenzauber hätten sieben unkomplizierte Mittdreißiger, so der Plan, eine entspannte Woche mit Fleischbällchen und Mandelkuchen verbringen sollen. Zwischen Sauna und Aquavit wäre man der heimischen Weihnachtshölle entronnen.

Sechs der sieben Teilnehmer haben Mitte Dezember ihre Teilnahme storniert, fünf davon hatten sich spontan und ohne Vorwarnung auf einer Krampusparty verliebt. Nummer sechs war schwanger, wollte aber keine weiteren Details angeben. Dieses Mal, sagt Uli, wird es ein Last-Minute-Modell geben. (derStandard/rondo/4/10/02)

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    foto: clarissa stadler
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