"Vergiss nicht, was Du bist, ein Kehrrichteimer"

3. Oktober 2002, 10:30
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Über den umstrittenen Heiligen Escrivas gehen auch die Meinungen der Kirchenleute auseinander - Manche nennen ihn - den Gründer der "Heiligen Mafia"...

Rom - Als Papst Johannes Paul II. die Heiligsprechung von Don Josemaria Escriva de Balaguer y Albas, Graf von Peralta (1902-1975), Gründer des Säkularinstituts "Opus Dei" (Werk Gottes), ankündigte, brach in der katholischen Kirche nicht nur eitle Freude aus. "Restauration im Vatikan", meinten Kritiker. Andere sprachen gar von "Provokation". Wohl keine andere Kanonisierung des Papstes ist derart umstritten. Vor allem aber: Keine Heiligsprechung ging derart schnell, fast übereilt über die Bühne: Am 9. Jänner 1902 wurde der spanische Priester geboren - noch im Laufe seines 100. Geburtsjahres soll er in den Stand der Heiligen versetzt werden.

Unbedingter Gehorsam

Während progressive Kirchenleute die 1928 gegründete Laien- und Priesterorganisation als erzkonservativ bis reaktionär geißeln, die die Kirche in die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurückbringen will, gilt der Papst aus Polen als ausgesprochener Gönner des "Werkes Gottes". "Ich weiß, dass ich auf Eure Bereitschaft zählen kann", sagte der Papst schon 1992, als er den glaubensstrengen Spanier selig sprach. Es sei vor allem das Gebot des unbedingten Gehorsams der 85.000 Opus-Dei-Mitglieder, das den Papst so beeindruckt, argwöhnen Kritiker. Johannes Paul gab 1982 dem Opus Dei den kirchenrechtlich bisher einzigartigen Status einer Personalprälatur. Damit wurde es zum Jurisdiktionsträger aufgewertet und dem Einflussbereich der Diözesanbischöfe entzogen.

Strenge Bußregeln Gehorsam, Bereitschaft zur "Heiligung des Alltags" sowie überaus strenge Bußregeln - das sind die Grundpfeiler, auf denen Escriva de Balaguer seine Organisation aufbaute. "Ich hatte meine 26 Jahre, die Gnade Gottes und sonst gar nichts", sagte er später einmal zu seiner Idee für die ordensähnliche Gemeinschaft. Eigentlich wollte er Architektur studieren - bis ihm Gott einen anderen Weg wies. Er sattelte auf Theologie um, bereits 1925 wurde er zum Priester geweiht. Zunächst lebte Escriva als Seelsorger in einer kleinen Landpfarre in der Nähe von Saragossa.

Franco-Regime

Den Vorwurf, ihr Gründer habe Sympathien für das faschistische Franco-Regime gehegt, weisen Opus-Dei-Mitglieder empört zurück. Er sei aber während des Bürgerkrieges vor Priesterverfolgungen in der republikanischen Zone in die von Franco-Truppen kontrollierten Gebiete geflohen. "Gehorcht, wie ein Werkzeug in der Hand des Künstlers gehorcht, das nicht fragt, warum es dies oder jenes tut." So umschrieb Escriva in der Opus-Dei-Bibel "El Camino" (Der Weg) das Gehorsamsgebot. 999 Mal variiert das Regelbuch das Gebot. "Was für eine große Sache ist es, eine kleine Schraube zu sein", heißt es beispielsweise in der Weisheit Nr. 830.

Spitzname "heilige Mafia"

Kritiker werfen Escriva vor, er verlange nichts anderes als blinde Gefolgschaft. Zudem agiere Opus Dei wie ein Geheimbund, ein "logenähnliches Gebilde" - mit dem Spitznamen "heilige Mafia". In seinem Geburtsland Spanien baute das Opus Dei ein Wirtschaftsimperium auf. Seine profiliertesten Exponenten in der Regierung, wie Laureano Lopez Rodo oder Gregorio Lopez Bravo, bemühten sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre um eine "Modernisierung des Franquismus", wobei sie notorische Falangisten verdrängten und die Kontrolle über wichtige Teile des Staatsapparats übernehmen konnten.

"Vergiss nicht, was Du bist, ein Kehrrichteimer"

"Behandle Deinen Körper sorglich; aber schone ihn nicht mehr, als es einem verräterischen Feind zusteht" heißt das Buße- und Askesegebot des Meisters. Allein die Übungen mit dem "Bußgürtel" rufen bei Außenstehenden heute nur Kopfschütteln hervor: Zwei Stunden täglich sollen "Numerarier" (höchste Ordensmitglieder) das Metallband mit den Metalldornen am Oberschenkeln anlegen. Wenn sie morgens aufstehen, küssen viele den Boden und murmeln "Serviam" - Ich möchte dienen. "Vergiss nicht, was Du bist, ein Kehrrichteimer. Demütige Dich", schrieb Escriva.

Nach 1945 breitete sich das Opus Dei weltweit aus. Ein Jahr später ging Escriva nach Rom. 1975 starb er unerwartet an Herzstillstand. Auf seinem Grab in Rom stand "El Padre" (Vater), nach der Seligsprechung 1992 wurde der Leichnam in den Altar der Prälaturkirche Santa Maria della Pace verlegt.

Seit 1989 ist das Opus Dei in Gestalt des Vorarlberger Diözesanbischofs Klaus Küng in der österreichischen Bischofskonferenz vertreten.(APA)

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