Normale Entführer meiden jeden Kontakt zu bekannter Geisel

3. Oktober 2002, 09:20
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Das Risiko, wiedererkannt zu werden, sei zu groß - Profi-Entführer setzen ihren Plan anders um - Geschehen in Frankfurt ist völlig atypisch

Hannover - Entführer, die ihr Opfer kennen, meiden nach Expertenansicht im Normalfall jeden direkten Kontakt zur Geisel. "Profis planen und bringen ihr Wissen ein, lassen andere die Tat ausführen und bleiben im Hintergrund", sagte der Kriminologe und niedersächsische Justizminister Prof. Christian Pfeiffer (SPD) am Mittwoch in Hannover. "Wenn sie mit dem Opfer in einem Raum sind, tarnen sie sich und sprechen nicht." Das Risiko, wiedererkannt zu werden, sei zu groß.

Profi-Entführer setzen ihren Plan auf andere Weise um

Zu der Entführung und Ermordung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler sagte Pfeiffer: "Das Geschehen in Frankfurt ist völlig atypisch. Denkbar ist auch, dass hier nicht das Geld im Vordergrund stand. Man wird prüfen, ob der Täter persönliche Gründe hatte, das Kind sofort zu töten, der Familie so massives Leid zuzufügen. Profi-Entführer setzen ihren Plan auf andere Weise um."

Vielleicht gab es Hassgefühle

"Vielleicht gab es unheimliche Hassgefühle auf die Familie", erläuterte Pfeiffer. "Es könnte sein, dass sich der Täter als Verlierer fühlte und es nicht verkraftete, so nahe neben Menschen zu leben, die auf der Sonnenseite des Lebens standen, als Mäzene auftraten und ein großzügiges Leben führten." Auffallend sei auch, dass das geforderte Lösegeld von einer Million Euro angesichts des Reichtums der Familie verhältnismäßig niedrig erscheine.

Entführungen seien von allen Straftaten am wenigsten Erfolg versprechend

Entführungen seien ohnehin von allen Straftaten am wenigsten Erfolg versprechend. Die Aufklärungsquote der Polizei liege bei diesen Verbrechen bei annähernd 100 Prozent. Dass die Familie ihr Kind nicht abgeschirmt habe, sei ihr in keinem Fall vorzuwerfen, sagte der Minister: "Sie haben genau das Richtige getan und ihrem Kind ein normales Leben gegönnt, statt es auf ein Bonzen-Internat zu schicken. Wenn jemand zu einer Entführung entschlossen ist, setzt er es eben auf eine andere Weise um." Pfeiffer hatte bis Ende 2000 das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen geleitet. (APA/dpa)

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