Zweifelhafte Prominenz wurde zur neuen "Elite"

2. Oktober 2002, 19:01
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Buch über "Die Fortschritt Macher Eliten und ihre gesellschaftliche Relevanz im 21. Jahrhundert"

Sich unbefangen dazu zu bekennen, dass auch eine moderne Gesellschaft Eliten braucht, ist nach wie vor verpönt. Genau das merkt man den hier versammelten Autoren (von Trautl Brandstaller bis Josef Taus) an, obwohl oder gerade weil sie selbst zu den beschriebenen "Fortschrittmachern" zählen.

Gerhard Feltl, früherer IBM-Manager, dann Direktor der nie verwirklichten Expo, Ex-Klestil-Wahlkampfmanager und Geschäftsführer der Wiener Stadthalle, wollte Bernhard Görg und seiner Erfindung - der Karl-Popper-Begabtenschule - mit diesem Buch ein Denkmal setzen.

Doch wirklich spannend wird das erst beim Grundsätzlichen: So kritisiert der Kommunikationswissenschafter und Berater Eugen Semrau den Bedeutungsverlust der kulturellen Elite in Österreich. Sie sei von "der Prominenz" verdrängt worden, von "Skiläufern" und "Haubenköchen", die in News als "Pseudo-Elite" porträtiert würden. Und wirkliche Künstler? Sie hätten sich in den SPÖ-dominierten Regierungen häufig auf eine "Komplizenschaft mit der Politik" eingelassen. Daraus habe sich eine Szene entwickelt, die schon in Freilassing nicht mehr zähle.

Leopold März wiederum, der Rektor der Universität für Bodenkultur in Wien, zeichnet ein Zukunftsszenario für die hohen Schulen: Wissenschafter müssten vermehrt darauf eingehen, was die Menschen bewegt, und eine verständlichere Sprache sprechen. Was offenbar ganz im Sinne Karl Poppers ist, wie ihn Journalist Peter Michael Lingens aus persönlicher Erinnerung beschreibt: Angeblich duldete der Philosoph keine komplizierte Fachsprache und fuhr darob selbst würdige alte Universitätsprofessoren gnadenlos an. (Martina Salomon/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 10. 2002)

Gerhard Feltl (Hrsg.): Die Fortschritt Macher Eliten und ihre gesellschaftliche Relevanz im 21. Jahrhundert Molden Verlag,
Wien 2002 252 Seiten, Euro 24,20
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