Schlamperei als Prinzip - Von Thomas Neuhold

2. Oktober 2002, 18:53
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Drei schier unglaubliche Szenen aus einem Strafprozess, der derzeit in Österreich seinen bedenkenswerten Lauf nimmt: Kriminaltechniker des Innenministeriums bringen erst Wochen nach Beginn der Verhandlung einen Kofferraum voll Unterlagen mit. Das Verfahren muss vertagt werden, weil Schreibkräfte für das Protokoll fehlen. Ein Gutachter rätselt über den Verbleib von Beweisstücken; seine Frau findet die Teile im Keller seines Hauses.

Solche Vorfälle wären schon bei einem Verfahren gegen den sprichwörtlichen Hühnerdieb an der Grenze des Erträglichen. Bei dem Strafprozess gegen sechzehn Angeklagte, denen im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe von Kaprun der Tod von 155 Menschen angelastet wird, dürfen derartige Dinge erst recht nicht vorkommen. Dies übrigens nicht in erster Linie, weil beim Kaprun-Prozess die internationale Öffentlichkeit besonders genau hinsieht, sondern weil es um die Wahrheitsfindung geht. Das ist in der ohnehin komplizierten Causa auch ohne Patzer und Verzögerungen schwierig genug.

Egal wie der Prozess letztlich ausgeht, die vielen Schlampereien werden jedenfalls zu Zweifeln an der Justiz im Allgemeinen und im Konkreten führen: Wenn schon bei der größten Brandkatastrophe der Zweiten Republik von Exekutivbeamten, Gutachtern und Justizverwaltung so gepfuscht wird, was ist dann bei einem gewöhnlichen Autounfall?

Und: Hatte US-Anwalt Ed Fagan doch Recht, als er meinte, die Aufklärung einer Katastrophe von einer Komplexität wie Kaprun sei hierzulande nicht gewährleistet? Er scheint ja nur zu irren, was den Vorsatz angeht. In Österreich bedarf es dieses erst gar nicht. Es reicht, wenn Behörden und Gutachter so arbeiten wie immer.(DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2002)

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