"Bewerberinnen schon im Vorfeld aussortiert"

2. Oktober 2002, 20:47
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Die erste weibliche Professorin für BWL an der WU Wien, Eva Eberhartinger, im STANDARD-Interview

Bereits im Alter von 31 Jahren wurde Eva Eberhartinger für eine Professur an die Uni Münster berufen, seit März 2002 ist sie die erste weibliche Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der WU Wien. Mit Isabella Lechner sprach sie über Unikarrieren für Frauen.



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STANDARD: Sie leiten die Abteilung für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre, ein bisher stark männerdominierter Bereich. Wird die Wirtschaftsuniversität weiblicher?

Eberhartinger: Ja, doch, das hoffe ich. Je höher man in der Hierarchie steigt, umso geringer ist ja derzeit der Frauenanteil an den Unis: Bei den Studentinnen sind es zwar schon über 50 Prozent, bei den - nach altem Dienstrecht - Vertragsassistentinnen aber schon deutlich weniger, bei den Uni-Assistentinnen nur mehr etwa 20 Prozent und bei den Professorinnen ist ja bekannt, dass es da kaum welche gibt. Man muss dazu auch sagen, dass die Bewerberinnenlage für Professuren schlecht ist: Es ist ja nicht so, dass sich 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen bewerben und dann kommen immer nur Männer zum Zug. Ich war zum Beispiel für diese Professur meines Wissens die einzige Frau, die sich beworben hat. Aber es ist kein Wunder, weil die Frauen, wie gesagt, schon im Vorfeld, im hierarchischen Aufstieg, immer weniger werden.

STANDARD: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen an den Universitäten nicht so weit kommen?

Eberhartinger: Ich glaube, es sind einerseits nach wie vor wirklich Diskriminierungen, offen oder versteckt, im gesamten Unibereich - wobei ich das nicht auf mich beziehe. Ich war davon nicht betroffen, sonst wäre ich nicht mit 31 Jahren Professorin geworden - in diesem Alter ist das auch sicher eine Ausnahme. Aber das heißt nicht, dass andere Frauen nicht betroffen wären. Eine andere Ursache liegt aber auch darin, dass Frauen nach wie vor familiär engagiert sind: Die Grundsteine der akademischen Karriere werden zwischen 25 und 35 Jahren gelegt - das ist auch die Zeit, in der die Frauen Kinder bekommen und deshalb oft zu Hause bleiben möchten oder zurückstecken.

STANDARD: Sie sprachen von Diskriminierungen - ein konkretes Beispiel?

Eberhartinger: Ich denke da etwa an die Listenplatzvergabe, also die drei BewerberInnen, die dann in die engere Wahl kommen. Hier werden Frauen manchmal diskriminiert, indem man sie nicht in die Liste, auch nicht an zweiter oder dritter Stelle, aufnimmt, obwohl eine Frau entsprechend qualifiziert wäre, weil befürchtet wird, ihr würde aufgrund von Förderungsmaßnahmen der Ruf erteilt - noch vor dem erstgereihten und vielleicht tatsächlich besser qualifizierten Mann. Auch ein zweiter oder dritter Listenplatz würde aber schon ein Plus für die Karriere bedeuten. Die ursprüngliche Absicht, Frauen mit gleicher Qualifikation durch das Gleichstellungsprinzip zu fördern, schlägt hier also ins genaue Gegenteil um.

STANDARD: Sie haben in Deutschland, England, Frankreich, Luxemburg und den USA studiert und geforscht. Wie steht es um Frauenkarrieren an Unis im internationalen Vergleich?

Eberhartinger: In Deutschland empfand ich die Situation gleich oder sogar noch schlechter als bei uns, in der BWL überhaupt. Aber in Frankreich zum Beispiel, oder in den USA, waren etliche Frauen im Professorinnenstatus und hatten daneben oft noch zwei bis drei Kinder.

STANDARD: Warum funktioniert es dort?

Eberhartinger: Ich glaube, das liegt daran, dass die Betreuung auch der kleinen Kinder außer Haus dort wesentlich mehr institutionalisiert ist und es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt: In Frankreich gehen die Kinder alle in die Krippe, ohne dass jemand die Nase darüber rümpft, das ist einfach normal. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich die Situation in Österreich bessert, auch durch die Frauenförderungsmaßnahmen bei den Berufungsverfahren - die Sensibilität der männlichen Professoren ist schon geschärft, das glaube ich auf jeden Fall. Ich bin zuversichtlich.

Siehe: Die Vollversion des Interviews auf dieStandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2002)

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