Luis Inacio da Silva:
"Lula light" greift in Brasilien nach der Macht

3. Oktober 2002, 11:18
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Für Brasiliens Elite war Luís Inácio "Lula" da Silva lange Zeit ein Schreckgespenst. Als Führer der einflussreichen Metallarbeiter-Gewerkschaft brachte der proletarische Aufsteiger die Firmenbosse einst zur Weißglut. Seine gereckte Faust, seine durchgeschwitzten Hemden und der wild zerzauste Bart erinnerten ein wenig an die kubanischen Revolutionäre. Doch bei aller Beharrlichkeit war Lula immer auch ein Pragmatiker, kämpfte um konkrete Zugeständnisse und konnte zum richtigen Zeitpunkt einlenken. Die brasilianischen Gewerkschaften gelten heute als die modernsten Lateinamerikas, und Lula hat gute Chancen, die Präsidentschaftswahl am Sonntag zu gewinnen.

Das mag daran liegen, dass der leicht lispelnde Mann von Kindesbeinen an zum Familienunterhalt beitragen musste, statt revolutionäre Theorien zu diskutieren. Geboren wurde er vor 57 Jahren im ärmlichen Bundesstaat Pernambuco als siebtes von acht Kindern. Als er sieben Jahre alt war, floh die Familie vor Hunger und Dürre in die Nähe der Industriemetropole Sao Paulo. Dort verkaufte der kleine Lula Orangen auf der Straße, dann arbeitete er als Färber, mit 14 Jahren ging er in die Fabrik. Die Schule brach er ab, mit 18 verlor er bei einem Arbeitsunfall den kleinen Finger der lin- ken Hand. Einige Jahre später starb seine erste Frau bei der Geburt ihres Kindes in einem öffentlichen Krankenhaus.

Zum Wendepunkt in seinem Leben wurde der Beitritt zur Gewerkschaft auf Betreiben eines Verwandten. Nur ein Jahr nach seiner ersten Demonstration 1974 gegen die Militärdiktatur wurde er zum Chef der Metallarbeitergewerkschaft gewählt. Von 1978 bis 1980 führte er eine große Streikwelle an, was ihm eine einmonatige Haftstrafe einbrachte. 1980 gehörte er zu den Gründern der Arbeiterpartei (PT), die bis heute eine der wenigen Parteien mit einem klaren Programm ist.

Mit diesem Lebenslauf können sich die Benachteiligten Brasiliens gut identifizieren. Trotzdem scheiterten seine letzten drei Präsidentschaftsanläufe. Als zu links, zu unerfahren, zu wenig staatsmännisch stuften ihn seine Kritiker ein, die Medien schlachteten jeden seiner Fehltritte aus.

Diesmal wirbt ein anderer Lula um die Wähler der Mitte. Dank professioneller Beratung präsentiert er sich tadellos gekleidet, posiert als liebevoller Familienvater mit seiner Frau und fünf Kindern, gibt sich humorvoll und sachlich. Markt und Freihandel akzeptiert er nun, aber Brasiliens Interessen hätten Vorrang, setzt er geschickt auf die nationale Karte. "Ich wäre dumm, wenn ich mich in zwölf Jahren nicht geändert hätte", entgegnet er Kritikern, die ihn als "Lula light" bezeichnen. Die meisten Beobachter halten seine Wandlung für glaubwürdig, doch viele in der Oberschicht und ausländische Investoren bleiben skeptisch. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2002)

Von Sandra Weiss
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    "Lula" da Silva

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